60145 - Telemann


Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität: 9
Gesamteindruck: 9
(Bewertungsskala: 1-10)

Den Herren Rudolf, Hieronymus und Johann Wilhelm Burmester sind diese 12 Solos für
Traversflöte oder Violine gewidmet, Telemann gibt den hanesatischen Musikmäzenen in seiner Dedikation die französischen Vornamen "Rudolfe", "Jérôme" und "Jean Guillaume". Ähnlich wie die französischen Vornamen die drei Herren Burmester, die im Alltag zweifellos Plattdeutsch miteinander gesprochen haben, nobilitieren sollen, kaschiert die französische Bezeichnung für die Musikstücke Solos à violon ou traversière avec la basse chiffrée, daß es sich hier der formalen Anlage nach um italienische Kirchensonaten handelt. Telemann war Diplomat genug, um seiner internationalen Kundschaft, der er 1734 bei der Veröffentlichung der Stücke mit einem modischen französischen Titel Appetit machen wollte, nicht unter die Nase zu reiben, daß die Werke dem italienischen Kontrahenten des französischen Stils - der sich damals wie heute als allen anderen Kulturformen überlegen empfand - folgten.

So traditionsverbunden sich die "Solos" in der Sonatenform auch zeigen, so modern präsentiert sich ihre innere Rollenverteilung: Der Generalbaß (La basse chiffrée) sprengt nur zu oft die Grenzen des musikalischen Fundaments und wird zum kammermusikalischen Partner, so daß häufig eher von einer Duo-Beziehung zwischen "Solo"-Stimme und Baßinstrumenten zu sprechen wäre. Hier ist Telemann wie so häufig als avantgardistischer Prophet jener Bewegungen zu erleben, mit denen Deutschland in Musikzentren wie Mannheim, Berlin und anderen in der Mitte des 18. Jahrhunderts die internationale Musikentwicklung beleben sollte.

Die Musiker des Ensembles Münchner Cammer-Music wissen die elegante Janusköpfigkeit dieser Werksammlung bestens ins Bild zu setzen, und dem erfahrenen Freund der Musik Georg Philipp Telemanns wird klar, daß dieser mit seinen mitten zwischen den beiden Sammlungen der Pariser Quartette von 1730 und 1738 veröffentlichten XII Solos auf der Höhe seines Schaffens angekommen ist. Mary Utiger an der Violine und der Traversflötist Michael Schmidt-Casdorff werden von der von Christine Schornsheim am Cembalo angeführten Continuogruppe nicht nur bestens gestützt, sondern - ganz im Sinne der Komposition - auch ebenbürtig begleitet.
Detmar Huchting
(02.01.2006)
Klassik heute 02.01.2006