Musikalische Persönlichkeit der erst 19jährigen bulgarischen Gitarristin


Künstlerische Qualität: 10/10
Klangqualität: 10/10
Gesamteindruck: 10/10


Auf den Künstlerfotos, die ihrem äußerst geglückten Debüt-Album beigegeben sind, schaut Magdalena Kaltcheva nie in die Kamera; praktisch immer hingegen hat sie den Blick zärtlich auf die Gitarre gerichtet, als wolle sie dem Instrument, das sie da spielt, ganz genau zuhören. Die Porträts bilden damit auch gut die musikalische Persönlichkeit der erst 19jährigen bulgarischen Gitarristin ab: Denn einen solch enormen Klangsinn kann tatsächlich nur kultivieren, wer zunächst eine entsprechende Fähigkeit zum Zuhören entwickelt hat und damit ein Gespür für die genuinen Möglichkeiten des Instruments.

Es sind diese bei Magdalena Kaltcheva schon so früh vollständig ausgebildeten Eigenschaften, die dazu beitragen, aus den jeweiligen Werken das Beste herauszuholen; man höre etwa die faszinierenden dynamischen Reliefwirkungen zwischen piano- und Flageolett-Hintergründen und hochenergetischen Passagen im Vordergrund, wie sie Leo Brouwer seiner Sonata von 1990 einkomponiert hat. Dadurch, daß sie solchen raffinierten Effekten große Aufmerksamkeit schenkt, gewinnt sie diesem Stück überzeugend auch seine moderne Seite in Ergänzung zu den mitunter etwas unvermittelt einbrechenden volksmusikalischen Anklängen ab. Auch hinter den einfachen Passagen dieser sehr gut genießbaren Neuen Musik wird Komplexität spürbar. In diesem Sinne ließen sich übrigens auch die rätselhaften Zitate aus der Pastoralsinfonie Beethovens verstehen, die der Begleittext mit einigem Recht als "unergründlich" bezeichnet - Leo Brouwer kann sich in seinem so respekt- wie lustvollen Umgang mit der Volksmusik ja durchaus auf das Vorbild Beethovens, ja, der gesamten Wiener Klassik berufen.

Zum enormen Klangsinn Magdalena Kaltchevas kommt eine blitzsaubere Technik, die auch die kleinsten Notenwerte der drei Scarlatti-Sonaten oder die heiklen Oktaven-Passagen der Paganini-Sonate klar hervortreten läßt, wobei - die wichtigste Eigenschaft jeder Paganini-Interpretation - die Schwierigkeiten quasi nebenbei bewältigt werden und damit betont einfach klingen. Gerade in Scarlattis Sonate A-Dur L. 238 fällt darüber hinaus eine spezielle Kunstfertigkeit darin auf, auch Repetitionen mit Leben und Spannung zu erfüllen, ohne zu stark zu insistieren.

Wenn man beginnt zu glauben, der Hauptzug von Magdalena Kaltchevas Spiel sei die Zärtlichkeit, wird man eines Besseren belehrt: Im Schlußsatz von Brouwers Sonata zeigt sie eine geradezu subversive Freude am jäh aufblitzenden Geräusch, und auch für das quasi opernhafte Finale der Fantasie Johann Kaspar Mertz' hat sie genügend Strahlkraft, um es zu einem echten Bravourakt zu machen. Diese Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeit zwischen Zärtlichkeit und kraftvollem Spiel kann sie fast vollständig in der abschließenden Libra Sonatine des 1955 geborenen Franzosen Roland Dyens zeigen und somit dafür entschädigen, daß bei diesem Stück gegenüber der fraglos hohen improvisierenden Kompetenz Dyens das konstruktive, formbildende Moment zu kurz kommt. Magdalena Kaltchevas Interpretationskunst hat jedoch auch hier großen Modulationsreichtum zu bieten: Es lohnt sich bei diesem Debüt wirklich, genau hinhören.

Michael B. Weiß
Klassik heute 13.11.2006