60139 - Einfachheit, Klarheit und Bescheidenheit


Die CDs passen in keinen Schrank. Zumindest ein CD-Aufbewahrungssystem herkömmlicher Bauart wird sich mit der Aufnahme aller Beethoven-Streichquartette durch das Gewandhaus-Quartett (NCA) schwer tun. Doch eins darf gelten: lieber einen neuen Schrank kaufen, als auf die Einspielungen der Leipziger verzichten. Ansonsten macht sich der hohe Schuber zwischen unseren Lieblingsbüchern ohnehin besser. Die zehn CDs in ihren beiden aufklappbaren buchdeckelartigen Hüllen und das 94-seitige hervorragende dreisprachige Booklet (dt., engl., franz.) lassen sich wie ein gutes Nachschlagewerk gebrauchen. Den vier Musikern ist eine Edition gelungen, die man immer griffbereit haben sollte, zum Nachhören, zum Blättern und zum Fragen lösen. Denn die Interpretationen, die teilweise auch einzeln erhältlich sind, haben es sich nicht zur Aufgabe gemacht, den Hörern noch mehr Rätsel in Sachen Beethoven zu stellen, als ihnen ohnehin schon aufgegeben sind. In treuer, aber nicht pedantischer Beachtung des Notentextes beantwortet das Gewandhaus-Quartett eher Fragen, die andere Quartett-Formationen mit extremen Deutungen aufwerfen. Man glaubt, den 'reinen' Beethoven relativ deutlich herauszuhören. Manchem wird Beethovens Genie gewiss zu wenig visionär und mystifiziert erscheinen, doch braucht auch er keine Angst zu haben, es an irgendeiner Stelle trivialisiert zu finden.

Die Schlüssel zu Beethoven heißen hier Einfachheit, Klarheit und Bescheidenheit. Wer die martialischen Ausbrüche fürchtet, mit denen das Amadeus-Quartett den stürmischen ersten Satz von op. 95 (DGG) oder das Hagen-Quartett weite Teile der Großen Fuge op. 133 überzieht, der wird die Einfachheit und strukturelle Klarheit der Leipziger ebenso schätzen, wie derjenige, der sich im himmlisch schönen Adagio von op. 127 gerne fortträumt, aber die Erde nicht unter den Füßen verlieren möchte. Franz Konwitschny meinte einst beim Anblick der Gedenkstätte für die Opfer von Hiroshima, dass es in diesem Adagio etwas zu verstehen gäbe, das solche Katastrophen verhindern helfe. Nach dem endlos fließenden Gesang des Gewandhaus-Quartetts, der durch den weiten Klangraum der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche getragen wird, haben sich Konwitschnys Worte tatsächlich erklärt. Dabei hat sich die Interpretation nie aufgedrängt oder sonderlich wichtig genommen.

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Klassic.com 04.07.2004