The 20th Century Piano Duets Collection


Wenn ich die Marktlage und allgemeine künstlerische Situation im Klavierduo-Wesen richtig einschätze, dann gehört schon eine Portion Glamour und Repertoire-taktisches Geschick dazu, sich auf dem hart umkämpften Terrain der zwanzig brillierenden Finger zu behaupten, ja mehr noch: sich überhaupt erst einmal in Stellung zu bringen, auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich bedeutet ein Auftritt mit zwei Klavieren für jeden Veranstalter - zumal für kleinere mit eingeschränktem Budget und räumlich-organisatorischen Problemen - eine immense Anstrengung. Gar nicht erst zu reden, von den Qualitätsunterschieden verschiedener Instrumente und den Anforderungen an einen Stimmer, eventuell zwei verschiedene Marken einander anzugleichen...

Als eines der wenigen international erfolgreichen Duos gehen Yara Taal und Andreas Groethuysen einen vergleichsweise schlichten Weg, was die Selbstdarstellung und die Promotion ihres anspruchsvollen Repertoires anbelangt. Anders ist es seit Jahren bei den Schwestern Labèque und ihre türkischen Kolleginnen Güher und Süher Pekinel, und auch ihre jüngeren Landsdamen Ferhan und Ferzan Önder haben sich auf exotische Literatur und ein Erscheinungsbild jenseits aller elitären Prüderie verlegt. In dieser Richtung präsentieren sich auch die aus Indonesien stammenden Zwillingsschwestern Sonja und Shanti Sungkono. Unter anderem von der Berliner "Hindemith Gesellschaft" und der "Gustav Kettel Stiftung" unterstützt, begannen die beiden Pianistinnen 1996 mit dem gleichsam hauptberuflichen Duo-Konzertieren. Ihre zweite NCA-Veröffentlichung liegt nun vor - mit einem umfangreichen Begleitheft, dessen Fotomaterial keinen Zweifel daran lässt, dass die beiden in Berlin ausgebildeten Musikerinnen auch auf anderen Podien, sprich: Laufstegen ihren Weg machen könnten.

Sonja und Shanti Sungkono bieten ein in jeder Hinsicht gemischtes Programm, adressiert an ein jugendliches, allen eingefrorenen Traditionen abholdes Publikum, nämlich mit unterhaltsamen, sozusagen grenzüberschreitenden Stücken des Esten Raimo Kangros (1949-2001) und des Kanadiers Colin McPhee (1901-1964). Ihn hat es wie viele europäische Musiker in ferne Gegenden gelockt - man denke an die Affinität Milhauds zu Brasilien. McPhees Musik ist von balinesischen Klängen (Gamelan!) inspiriert.

So erfreut dieses Sungkono-Programm als kleine, bald glitzernd, bald kräftig übermittelte akustische Weltreise mit Stationen, die im Klavierduo-Betreiben schier unumgänglich zu sein scheinen (Lutoslawskis Paganini-Variationen, Infantes schmissig-sentimentale "Andalusische Tänze"!). Aufnahmetechnisch wurde alles geleistet, um dem farbigen, temperamentvollen, aber doch disziplinierten Spiel der Zwillinge Raum und Aroma zu verschaffen. Interesse ist also geweckt, die beiden im Konzertsaal zu erleben.
Peter Cossé

Link zur Rezension: Klassik-heute.com
Klassik heute 03.05.2004