L'arpa festante München


Wie viele Einspielungen des Mozart-Requiems gibt es? Mangel herrscht nicht. Wozu dann neue Aufnahmen? Es gibt ein paar gute Gründe. Entweder versuchen herausragende Interpreten einen Qualitätssprung. Oder große Künstler nehmen nach Jahren erneut Maß, um eine gewandelte Sichtweise zu dokumentieren. Oder aber man saugt Honig aus der Vielfalt der Fassungen - wie in diesem Fall.

Ralf Otto hat sich für Robert Levins Version entschieden. Sie bezieht sich durch Korrektur, Tilgung, Erweiterung auf die bekannte "Vollendung" des Fragments durch den Mozart-Schüler Franz Xaver Süßmayr. Harvardprofessor Levin hatte für seine Revision aus dem Jahr 1991 einiges gewagt und sich kontroverse Reaktionen eingehandelt. Diese Aufnahme ist ein schönes Plädoyer für Levin: Der Bachchor Mainz, ganz auf schlanken, homogenen Klang trainiert, erreicht über weite Strecken professionelles Niveau. Hier ist sorgfältig und wohlinformiert gearbeitet worden.

Klar, geschmeidig, mit guter Deklamation bei teilweise überhellen Vokalfärbungen agiert dieses Ensemble fast immer auf der wünschenswerten Höhe. Der Preis der disziplinierten Leistung: Die innere Dramatik, mit der Mozart auch sein Fragment Requiem bis in den leisesten Winkel durchdrang, wird gelegentlich unterspielt.

Elegante Stimmführung

Das gilt auch für das Solistenquartett. Elegant ist die Stimmführung von Julia Kleiter und Gerhild Romberger, Klaus Mertens kann in vielen Passagen die schöne Wärme seines Baritons ausspielen. Der junge Tenor Daniel Sans aber ist intonatorisch wankelmütig, und insgesamt gibt es eine Tendenz zum allzu kammermusikalischen Ton, der letzte Dinge eher ausspart. Bestechend gut dagegen das Ensemble L'arpa festante: Präzis, einfühlsam, mit Verve, stilecht. Dazu eine überzeugende Aufnahmetechnik: Alles in allem eine wirklich hörenswerte Einspielung.
Radio NDR Kultur 05.04.2006