60159 - Himmel und Hölle


Mozarts "Requiem" auf CD
Von Stefan Schickhaus
1991 war schon einmal Mozart-Jahr, sein 200. Todesjahr. Damals stellte der Musikwissenschaftler Robert Levin seine Fassung des Mozart-Requiems vor, die der Dirigent Helmuth Rilling damals bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Eine neue Requiem-Sicht im Todesjahr passt ja auch recht gut. Pünktlich an seinem 250. Geburtstag jetzt wird in Mainz eine neue CD-Einspielung dieser Levin-Fassung präsentiert: Ralf Otto hat sie mit seinem Mainzer Bachchor und dem Münchener Originalinstrumente-Orchester "L'arpa festante" aufgenommen, und sie ist bemerkenswert: Extrem in allen Belangen, von himmlisch süß (Lacrimosa) bis höllisch scharf (Confutatis), gläsern transparent im Klang, mit schneidenden Streichern und samtigen Bassettklarinetten. Der Mainzer Chor, hier auf 40 Stimmen reduziert, untermauert jedenfalls seinen Anspruch, einer der ganz professionellen in der Region zu sein.
Robert Levin hat das Mozart-Requiem natürlich nicht neu erfunden. Aber durch den fundierten Beihefttext seines Mainzer Fachkollegen Karl Böhmer wird man doch auf Eingriffe aufmerksam gemacht, die diese Fassung von der oft gespielten und ebenso oft kritisierten des Mozart-Schülers Franz Xaver Süßmayr unterscheiden. So hat Levin eine als Skizze aufgefundene Amen-Fuge fortgeschrieben, hat einige Stimmführungen und etliches an der Instrumentierung verändert. Das Resultat: Die Kluft zwischen den reinen, nachträglich instrumentierten Mozart-Teilen und den von Süßmayr wahrscheinlich völlig frei komponierten Sätzen ab dem Sanctus erscheint nun fast noch größer. Substanz konnte auch Levin nicht herbeizaubern.
Doch diese erste Einspielung der Levin-Fassung auf historischen Instrumenten ist unbedingt eine der würzigsten Ingredienzien im großen Mozart-Geburtstagskuchen. Und wer will, kann auch diese CD einfach nach dem wiederholten Quam olim Abrahae anhalten, dem letzten, was definitiv aus Mozarts Hand stammt. Danach ist er gestorben. Aber vom Tod wollten wir heute ja gar nicht sprechen.
Frankfurter Rundschau 27.01.2006