Ein nie gehörtes Mozart-Requiem


Ralf Otto setzt auf neue Bearbeitung des Fragments



Es gilt, von einer neuen Aufnahme des Mozart-Requiems zu berichten. Vorgelegt hat sie der erfahrene Chormusikexperte Ralf Otto mit seinem Bachchor Mainz, und wenn der sich an ein solches Standardwerk macht, kann man davon ausgehen, dass etwas Besonderes dabei herauskommt. Und richtig - es ist ein Mozart-Requiem nicht nur in neuer interpretatorischer Sichtweise, sondern sogar mit stellenweise neuer Musik. Wie das, Mozart ist doch schon fast 215 Jahre tot, komponiert er denn immer noch? Dazu später mehr; hier zunächst einmal das wohlvertraute "Dies irae": mit Macht und Wucht donnert es daher und schildert die Schrecken des jüngsten Gerichts...

* Musikbeispiel: Wolfgang Amadeus Mozart - Aus: Requiem: Dies irae

Beim Mozart-Requiem geht es für den Dirigenten noch vor dem genauen Partitur-Studium erst einmal um die Frage, welche Fassung er nimmt. Denn dieses Werk hinterließ der Meister nur als Fragment: die Teile Sanctus, Benedictus, Agnus Dei und Communio fehlten ganz, dem "Lacrimosa" fehlte ein Schluss und bei vielen anderen Sätzen hatte Mozart nur ein Particell skizziert. Das heißt, in die Partitur war nur ein Gerüst eingetragen, das aus den vier Vokalstimmen, der instrumentalen Basslinie und wichtigen Motiven der Violinen oder Bläser bestand. Kein Wunder, dass sich hier ein wahrer Tummelplatz für mehr oder weniger berufene Bearbeiter öffnete, die wie Freystädtler, Eybler, Stadler oder Süßmayr zunächst aus dem direkten Freundes- oder Schülerkreis von Mozart stammten und schon bald nach Mozarts Tod eine Aufführung des Werkes ermöglichten.

Aber in den letzten Jahrzehnten hat es immer wieder Versuche gegeben, dem, was man als Mozarts Willen vermutet, noch näher zu kommen. So haben Fanz Beyer und andere sich vor allem um die bei den Bearbeitern teilweise festzustellenden Instrumentierungsschwächen gekümmert, andere gingen radikaler vor, z.B. der amerikanische Pianist und Musikforscher Robert Levin. Der wurde im letzten Jahr auch über eingeweihte Kreise hinaus als sorgfältiger Mozart-Bearbeiter bekannt, als Helmuth Rilling in der New Yorker Carnegie Hall und später auch in Deutschland mit großer medialer Begleitung dessen Vervollständigung der c-moll-Messe aufführte.

Auch des Requiems hatte Levin sich Anfang der 90er Jahre angenommen: der vorliegenden Einspielung liegt diese Neufassung zugrunde. Sie stellt einen Kompromiss dar zwischen der meistens bei Aufführungen benutzten Süßmayr-Fassung, einer Neuinstrumentierung der von Mozart als unvollständige Partitur hinterlassenen Teile und der Korrektur oder Ergänzung Süßmayrs nach Mozarts Skizzen oder anderswo dokumentierten Vorstellungen. Ein gutes Beispiel für Levins Verfahren bietet das "Tuba mirum", wo die Posaune mit Eintritt des Tenorsolos ihre führende Rolle verliert, die Holzbläser hinzutreten und die Streicher-Rhythmen synkopisch aufgelockert werden. Außerdem können Sie hier das Solistenquartett der vorliegenden Neueinspielung kennen lernen: Klaus Mertens als sicheres, klangschönes Fundament, den aus Mainz stammenden lyrischen Tenor Daniel Sans, die auf Konzert, Oratorium und Lied spezialisierte Mezzosopranistin Gerhild Romberger und die weltweit agierende Sopranistin Julia Kleiter, die als Kind schon im Limburger Domchor gesungen hat.

* Musikbeispiel: Wolfgang Amadeus Mozart - Aus: Requiem: Tuba mirum

Beim "Lacrimosa" schließlich ging Mozart-Bearbeiter Levin noch radikaler vor, hier komponierte er am Ende, wo andere ein schlichtes Amen singen, fast eine ganze, von Mozart wohl geplante Schluss-Fuge neu. Schon im ersten Teil sind im Vergleich zu Süßmayr andere Violin-Figuren zu hören, dann kommt eine neue Überleitung und schließlich die Fuge, deren Anfang genau Mozarts Skizzen entspricht, im weiteren Verlauf aber freie Erfindung Levins "à la Mozart" ist. An der Interpretation von Ralf Ottos Mainzer Bachchor fällt gerade hier die große Ruhe, die detailgenaue Gestaltung, das unglaublich leise und doch absolut tragende Pianissimo auf, das nur ein gut trainiertes Ensemble zustande bringt. Und auch das überaus farbige, nuancenreiche Spiel des 1983 in München gegründeten Barockorchesters "L'arpa festante" muss gerühmt werden: seine auf historischen Instrumenten spielenden Musiker agieren virtuos, sensibel, ausdrucksstark und mit hoher Präzision.

* Musikbeispiel: Wolfgang Amadeus Mozart - Aus: Requiem: Lacrimosa

Soweit also einige Beispiele aus der rundum empfehlenswerten Neueinspielung des Mozart-Requiems von Ralf Otto, die höchstes interpretatorisches Niveau, überraschende klangliche Neuentdeckungen durch detailfreudiges Erkunden der musikalischen Zusammenhänge und darüber hinaus noch die überzeugende relativ neue Be- und Überarbeitung der unvollständig gebliebenen Partitur durch Robert Levin bietet.

Deutschlandfunk 01.05.2006