CD-Tipp "Requiem" KV 626


Kein unvollendetes Werk machte jemals solche Furore wie das "Requiem" von W. A. Mozart. Obwohl unvollendet, wurde es bereits ein Jahr nach Mozarts Tod in Wien uraufgeführt - freilich mit dem Resultat, dass die Nachwelt erst mit starker Verzögerung von den verschiedenen Autorenschaften erfuhr. So verschwieg selbst der Erstdruck aus dem Jahr 1800 noch die Tatsache, dass nur ein Teil des Werkes von Mozart persönlich stammt und es bedurfte weiterer 20 Jahre, bis im sog. Requiem-Streit allmählich die Wahrheit ans Licht kam. Seither haben im Gefolge von Eybler, Süßmayr & Co. viele Nachgeborene Hand an das Stück gelegt im Bestreben, einen "authentischeren" Mozart zutage zu fördern.

Eine der vielleicht radikalsten Revisionen legte im Mozart-Jahr 1991 der renommierte Harvard-Professor Robert Levin vor. Nicht nur, dass Levin die "Amen"-Fuge des "Lacrimosa" realisierte; er entrümpelte auch das von Freystädtler, Abbé Stadler, Eybler und Süßmayr überlieferte Gemeinschaftswerk dahingehend, dass er Mozart-typische Instrumentierungen anwandte. So z. B. im "Tuba mirum", wo er im Sinne Mozarts die Holzbläser verwendet und stattdessen die eingangs zu hörende Posaune schweigen lässt. In der vorliegenden, am historisch Klangbild ausgerichteten Neueinspielung wird so manches feinsinnige Detail deutlich, insbesondere die stilistische Affinität zum Kirchenstil Pergolesis resp. - in den extrovertierten Teilen - G. F. Händels. Verständlich, dass sich in München manch einer diesen Chorleiter (Ralf Otto) als Nachfolger beim Münchener Bachchor gewünscht hätte.

Matthias Keller, Bayern 4 Klassik
Radio Bayern 4 Klassik 20.03.2006