60152 - Karg-Elert


Bekannt geworden ist Sigfrid Karg-Elert (1877-1933) vor allem mit seinen zahlreichen Werken für Orgel und Harmonium, die seit den siebziger Jahren wiederentdeckt wurden. Erstaunlich, dass seinem reichen Liedoeuvre mit etwa 150-200 Sologesängen, das zwischen 1905 und 1908 sogar einen Schwerpunkt seiner kompositorischen Tätigkeit bildete, diese Resonanz nicht zuteil wurde. Gerade ihre konzentrierte Form scheint Karg-Elerts Schaffensweise besonders entsprochen zu haben. Bezeichnenderweise fehlt in seinem Gesamtwerk alles, womit sich schnell hätte Furore machen lassen: Sinfonien, Solokonzerte, Streichquartette oder Opern sucht man vergeblich. Zum andern wurden seine Liederzyklen häufig als "viel zu schwer" abgelehnt. Dennoch - oder gerade deshalb? - lohnt sich eine Auseinandersetzung mit Karg-Elerts Liedern, wie diese CD eindrucksvoll demonstriert. Diese musikalischen Miniaturen quellen über vor Einfällen, unerwarteten Wendungen, wirken oft spontan-improvisiert, kaprizieren sich häufig auf Textdetails und vernachlässigen die durchzuhaltende Grundstimmung. Schlichte Strophenlieder mit einheitlichem Gestus bilden die Ausnahme. Karg-Elert erprobt vielmehr alle denkbaren Zwischenstufen von der durchkomponierten Faktur bis zur streng gebauten strophischen Struktur. Die von ihm vertonten Textdichter gehören fünf Jahrhunderten an, darunter zahlreiche, die uns heute kaum noch bekannt sind wie Melanie Barth, Marie Itzerott, Hermann Allmers, Otto von Leixner, Johanna Ambrosius neben vielvertonten wie Heinrich Heine und Friedrich Rückert. Besonderes Interesse verdienen die von ihm komponierten zehn Lessing-Epigramme, zählt dieser Dichter doch zu den am seltensten vertonten Autoren von Rang. Kein Wunder, denn es handelt sich hier um Sinngedichte und Fabeln, also um eher "rationale" Gebilde und nicht um Poesie voller Innerlichkeit und Gefühlstiefe. So ragen diese Werke aus dem traditionellen Lieder-"Mainstream" heraus, appellieren eher an Esprit und Humor des Hörers als an seine Emotionen. Gerade in diesen Lessing-Epigrammen zeigen sich die exzellenten erzählerischen Qualitäten des Tenors Markus Schäfer - und auch die brillante pianistische Assistenz Ernst Breidenbachs - auf besonders faszinierende Weise. Ihre rasch wechselnden Ausdruckscharaktere, ihr Oszillieren zwischen spöttischer Ironie, geistreicher Anspielung, augenzwinkernder Koketterie und schauspielerischer Attitüde werden von Schäfer reaktionsschnell und präzis nachvollzogen. Insgesamt bewältigen Sänger und Pianist diese heiklen Lieder durchgängig musikalisch sicher und selbstverständlich, so dass man keinen Augenblick den Eindruck gewinnt, es handle sich um ausgesprochene Repertoireraritäten, die im CD-Katalog so gut wie nicht vertreten sind.
Walter Fritz

Link zur Rezension: Klassik-heute.com
Klassik heute 13.06.2006