60152 - Hör ich das Lied erklingen...


Karg-Ehlert, Siegfried: Lieder

Hör ich das Lied erklingen...


"Im deutschsprachigen Raum ist Sigfrid Karg-Elert eigentlich nur noch durch sein kirchenmusikalisches Schaffen, vor allem durch seine imposanten Orgelwerke bekannt. Dies ist zum großen Teil der posthumen Diffamierung während des Dritten Reichs zu verdanken, doch auch später wurde sein großes Schaffen nur in Teilen wiederentdeckt. Ihren Teil zum Bild des Komponisten Karg-Elert tragen nun der Tenor Markus Schäfer und der Pianist Ernst Breidenbach bei: In einer neuen Produktion wird ein guter Querschnitt durch Karg-Elerts Liedschaffen geboten, das einen zentralen Teil seines Wirkens bildete (immerhin ca. 200 Lieder, entstanden vor allem zwischen 1904 und 1908).

Zwar sind seine Orgelwerke kompositorisch - vor allem in harmonischer Sicht - meist avancierter, doch findet sich auch in den Liedminiaturen zu jeder Zeit der besondere Stil Karg-Elerts wieder. Er vertritt ganz klar das spätromantische Ideal exzessiver Chromatik, und eine gesangliche Linie, die oft an Lieder Richard Strauss' erinnert. Der Klaviersatz ist mehr als bloße Illustration, zumeist technisch höchst anspruchsvoll, so dass hier mindestens von einem eigenständigen Partner gesprochen werden kann.

Eine Dichterin, der Karg-Elert sehr verbunden war, ist Melanie Barth, von der er vier Gedichte in einem Zyklus vertonte, die den Eingang in diese Klangwelt bilden. Auch im auf der CD unvollständigen Liederzyklus op. 52 ist sie vertreten. Stellvertretend evoziert sie in ihren Gedichten den Gegensatz Ekstase - Innerlichkeit, der auch in Karg-Elerts Musik deutlich zum Tragen kommt: Mal klanggewaltig auftrumpfend wie im ersten Lied 'Schale des Glücks', mal ruhig verharrend und in sich gekehrt wie im zweiten, 'Mein Lieb ist schlafen gegangen'. Deutlich sind auch die Bezüge zu älteren Komponisten, zu hervorragenden Vertretern der Liedkunst des 19. Jahrhunderts, wie Brahms, Schumann oder Mendelssohn, so zum Beispiel in der Vertonung von Heine-Texten in op. 53 'Stimmungen und Betrachtungen': Der Frühlingsgestus des Heineschen 'Gruß' (Leise zieht durch mein Gemüth') findet man sowohl in Mendelssohns Lieder ohne Worte als auch dessen gleichnamiger Vertonung des Gedichtes.

Eine Besonderheit stellen mit Sicherheit die 'Zehn Epigramme von G. E. Lessing' dar. Es sind Miniaturen voller geistiger Schärfe und Ironie, die Karg-Elert kongenial vertont. Lessing-Texte finden sich sonst eher selten wieder im Liedschaffen der Romantik, das der Innerlichkeit und der Gefühlstiefe klaren Vorzug gibt gegenüber Lessings geistreichem Witz und Rationalität.

Die Interpretation der technisch anspruchsvollen Lieder gelingt Markus Schäfer und Ernst Breidenbach ganz hervorragend. Schäfer überzeugt mit einem lyrischen Ton, der in der Höhe aber durchaus tenoral auftrumpfen kann. Man hätte sich allerdings manchmal einen größeren Farbreichtum gewünscht, denn ohne das Intermezzo der musikalisch knapperen und pointierteren Lessing-Lieder wäre es vielleicht etwas zu viel der romantischen Üppigkeit. Tadellos 'begleitet' ihn Ernst Breidenbach am Klavier. Der schwierige Klaviersatz wird virtuos gemeistert, gefühlvoll begleitend, oder - wo nötig - auch solistisch hervortretend.

Ergänzt wird die auch klanglich beeindruckende Aufnahme durch ein sehr gut gestaltetes Booklet, das Informationen zu Karg-Elert, Interpretationen der einzelnen Lieder sowie die gesamten Texte bietet.

Die vorliegende Aufnahme macht Lust auf mehr Entdeckungen, auch auf die anderen Lieder der teils unvollständigen Liedzyklen. Eine CD, die nötig ist! "

Link zur Rezension: Klassik.com
Klassik.com 06.07.2006