60238 - Arien gegen königliche Schwermut


Die Kostprobe vom 26.06.2011
Von Dirk Kruse
Arien gegen königliche Schwermut / Perlende Klangkaskaden eines Sopranisten

"Der Wind kann zwar pfeifen, aber eine Melodie bringt er nicht zustande", schrieb der Schriftsteller Stephen King. Ganz anders dagegen der legendäre Kastrat Farinelli alias
Carlo Broschi. Der konnte nicht nur singen und pfeifen wie kein anderer Interpret im 18. Jahrhundert, weshalb ihm die Musikwelt halb Europas zu Füßen lag, er war auch
recht gut darin, eigene Melodien zu kreieren. Schließlich hatte er seine Musikausbildung in Neapel beim Opernkomponisten Nicolo Porpora erhalten. Doch dass Farinelli nicht nur ein gefeierter Interpret war, sondern auch ein achtbarer Komponist, weiß heute kaum noch jemand. Diese Diskrepanz will der Berliner Countertenor Jörg Waschinski nun ändern. Er hat zusammen mit der Salzburger Hofmusik unter Wolfgang Brunner
eine neue CD mit Liedern und Arien Farinellis aufgenommen, die dem Tonsetzer ebenso huldigen, wie dem Tonerzeuger. Sie heißt "Farinelli, the Composer".
Die meisten Kompositionen der CD entstammen einem persönlichen Geschenk Farinellis an die österreichische Kaiserin Maria Theresia. Am 30. März 1753 schickte er ihr von Spanien aus einen in Leder gebundenen Prachtband mit handgeschriebenen Arien aus seiner Feder. Darunter jene Stücke, die Farinelli allabendlich dem schwermütigen spanischen König Philipp V. vorsang, um dessen Depressionen zu lindern. Jörg Waschinski hat diese Handschrift, die in der Österreichischen Nationalbibliothek
aufbewahrt wird, eingehend studiert und daraus seine CD "Farinelli, the Composer" zusammengestellt. Sie enthält vier ellenlange Koloraturarien, die mit komplizierten Verzierungen nur so gespickt sind sowie einige schlichtere Lieder und Rezitative.
Der Countertenor Jörg Waschinski, begleitet von der Salzburger Hofmusik unter der Leitung von Wolfgang Brunner, lässt Farinellis ebenso virtuosen wie innigen Klangkaskaden nur so perlen. Etwa in Farinellis zehn Minuten langer Arie "Io sperai del porto in sano" über einen Sänger in Seenot. Alleine die Koloratur auf das Wort
mar (Meer) umfasst 23 Takte und lässt den Sänger geradezu in Tönen ertrinken.
Wie kaum ein Falsettsänger ist Waschinski geeignet, um uns eine Idee vom Stimmideal Farinellis zu geben, dessen Sopranstimme sich vom ungestrichenen a bis zum dreigestrichenen d erstreckte.
Denn Jörg Waschinski gehört zu der weltweit extrem kleinen Gruppe der Sopranisten. Die meisten Countertenöre sind ja Altisten. Der mehrfach preisgekrönte Sänger glänzt mit einer schönen, klaren, gut geführten Sopranstimme, der es ein wenig an
Volumen fehlt. Doch das ist nur ein kleines Manko im Gegensatz zu der Freude, die das Album bereitet. Es gibt nicht nur eine Ahnung davon, wie der berühmteste Kastrat des 18. Jahrhunderts wohl geklungen haben mag. Es führt auch einen inspirierten Arien-
Komponisten vor, der zwar aufgrund seiner eher deskriptiven Kompositionstechnik an die großen Barock-Komponisten seiner Zeit nicht heranreicht, doch einige virtuose und charmante Beispiele seiner Kunst hinterlassen hat. Ein Album mit Repertoirewert.
br-online 26.06.2011