60219: Elogio de la Guitarra


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Dies ist Magdalena Kaltchevas zweite CD bei der gleichen Gesellschaft. Die junge Frau ist 1987 in Sofia zur Welt gekommen, gehört also zu den Küken der internationalen Gitarrenszene. Sie hat an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen und hat auch in mehreren, oft osteuropäischen oder ehemals osteuropäischen, auf dem Treppchen gestanden. Heute studiert sie in Köln bei Hubert Käppel.
Magdalena Kaltcheva ist bemerkenswert versiert in dem, was sie tut. Sie ist virtuos und kostet das auch aus. Sie spielt eloquent und überzeugt … und auch das gern. Und fehlt etwas?
Wie kann es anders sein, bei einer Musikerin in ihrem Alter müssen Wünsche offen bleiben! Ist es das dezidiert Eigene, das ihr fehlt? Der Mut aufzutrumpfen, selbst wenn die eigene Meinung vielleicht unausgegoren oder schlicht falsch ist? Ist es die virile Kraft, die man in ihren Interpretationen doch vermisst – man verzeihe mir diese vielleicht machohaft anmutende Fragte, aber Kraft gehört in solistischer Musik zu den primären Eigenschaften, die ein Interpret mindestens vortäuschen muss. Die eben gestellten Fragen haben nur am Rand mit dem sportiven Virtuosentum zu tun, das sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat und mit dem wir Namen wie Franz Liszt, Niccolò Paganini oder auch Giulio Regondi verbinden (ganz zu schweigen von ein paar Musikern unserer Tage, die ihren Job nur noch sportiv sehen). Sie haben zu tun mit den exhibitionistischen Zügen, die solistische Stücke (a priori) haben.
Und Magdalena Kaltcheva? Nun, ich habe es schon geschrieben: Ihr Spiel ist nahezu perfekt, es ist ausgewogen und ausgeglichen – aber fehlt ihm vielleicht trotz allem dieses Jota an Diabolischem; dieses Anmaßen, dass alles, was da präsentiert wird, auf die einzig richtige Art geschieht; Pulverdampf vielleicht, den man in der Luft wähnt, weil irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann?
Am Schluss des Programms von Magdalena Kaltcheva stehen zwei Stücke von Mauro Giuliani: „Grande Ouverture“ op. 61 und „Rossiniana“ Nº 6 op. 124. Als der junge Mauro im Jahr 1806 in Wien ankam, weil er dort bessere Aussichten auf eine einträgliche Karriere vermutete, kannte man die Gitarre durchaus – aber weniger als Konzertinstrument, sondern als „galantes Spielwerk, höchstens als angenehmes Accompagnement kleiner, leichter Gesangstücke“. Giuliani machte Furore, die Wiener und vor allem die Wienerinnen lagen ihm zu Füßen. Die Musikwelt staunte, dass auf einem so erbärmlichen, kleinen Instrument eine so vollstimmige und „große“ Musik hervorzubringen war. Nach Konzerten von Mauro Giuliani in Wien lag der Pulverdampf, vom dem eben die Rede war, in der Luft. Und hier, bei Magdalena, riecht man ihn auch! Vielleicht könnte die Musik noch etwas theatralischer sein, vielleicht könnten die Kontraste schroffer wirken, vielleicht wäre überhaupt etwas mehr große Geste angesagt? Alles ist noch ein wenig brav und unentschlossen, es kommt ein wenig zögerlich und harmlos herüber. Aber Magdalenas Karriere ist gerade in ihrer Entstehungsphase … wenn sie jetzt schon jeden überzeugte, was bliebe noch zu tun?
Magdalena Kaltcheva ist im Begriff, eine veritable Karriere zu starten. Alles, was dazu nötig ist, hat sie im Portefeuille: musikalische Begabung, (ganz offenbar) Arbeitsmoral, Orientierungssinn, was Musikgeschichte und Repertoire angeht, und sie hat den richtigen Lehrer. Was kann da noch schiefgehen?
Gitarre und Laute 01.03.2011