60150 - J. v. Herbeck: Sinfonie Nr. 4 d-Moll


Besondere Beachtung verdient diese Ersteinspielung mit Werken von Johann Ritter von Herbeck (1831-1877), einem hochbegabten Komponisten und Dirigenten, der trotz seines frühen Todes im Alter von nur 45 Jahren bereits alle erdenklichen Spitzenpositionen im Wiener Musikleben erklommen hatte (gekrönt durch den Direktor-Posten der Hofoper von 1870 bis 1875). Herbeck ist vor allem aus den Biographien Anton Bruckners bekannt, für dessen Werke er sich bereits früh eingesetzt hat. Sein früher Tod ermöglichte es Bruckner, die bereits von Herbeck angesetzte Uraufführung seiner umgearbeiteten dritten Sinfonie im Dezember selbst zu übernehmen.

Nun kann man Herbeck also auch als Komponist begegnen - als innovativem noch dazu. Denn seine vierte und letzte Sinfonie (1877) gilt als erste Sinfonie für Orchester mit Orgel der Musikgeschichte. Sie sollte auch seine musikalische Totenfeier werden - Hans Richter dirigierte die Uraufführung kurz nach Herbecks Tod am 25. November 1877 im Musikvereinssaal. Erfolgreich war das Werk nicht, möglicherweise war es zu innovativ für die konservativen Wiener, denn das knapp 25minütige Stück eröffnet nicht mit einem großen Sonatensatz, sondern mit einem Präludium, und im Finale findet sich eine veritable Fuge.

Im Ausdruck erinnert mich das Werk insbesondere an Joseph Joachim Raffs Instrumentierung von Bachs Chaconne d-Moll (Chandos 9835); auch Anklänge an Bruckner sind zu vernehmen, doch ist die Tonsprache von Herbeck so interessant und selbständig, daß man nur auf eine weitere Produktion mit seinen drei übrigen Sinfonien hoffen kann - auch wenn das hier folgende Stück, die Sinfonischen Variationen F-Dur von 1875 weitaus gefälliger, zeitnahe wienerisch und weniger geschlossen wirkt.

Die Hamburger Sinfoniker sind bei Martin Haselböck - als Organist und Dirigent Kenner historisch informierter Aufführungspraxis - in besten Händen. Das Orchester musiziert die Novitäten mit viel Engagement, allerdings hätte in puncto Zusammenspiel der Violinen in den Proben hie und da noch Handlungsbedarf bestanden. Der Gesamtklang hat wenig Atmosphäre und kaum Tiefe.
Benjamin G. Cohrs

Link zur Rezension: Klassik heute
Klassik heute 18.11.2005