Archiv Klassik-Kritiken


Muss man? Soll man? Oder: darf man? Eigentlich wäre es unnötig, die vier Herren des Gewandhaus-Quartetts immer und immer wieder vorzustellen. Spätestens mit ihrer Gesamteinspielung der Beethoven-Streichquartette haben sich Frank-Michael Erben, Conrad Suske (Violine), Volker Metz (Viola) und Jürnjakob Timm (Violoncello) eine Eigentumswohnung im Interpreten-Olymp erworben. Und schon vorher war zumal ihre Liebe zu den Klassikern, ihre enorme Vertrautheit mit den Werken Mozarts, Haydns und Beethovens evident. Kurz und exzellent: Vertrauen garantiert. Also höchste Qualität.

Doch wie im Leben, so ist es in der Kunst: Der Wert einer Beziehung, insbesondere der einer teuren Freundschaft, der wird stets neu bemessen. Und so hören wir nun also ganz unbedarft wie eine Jungfrau und ganz unvoreingenommen in die neueste Einspielung des Gewandhaus-Quartetts hinein, darauf versammelt sind die drei berühmten Streichquartette aus der op.76-Reihe von Haydn - als da wären das "Quintenquartett" (76,2), das "Kaiserquartett" (76,,3) sowie "Der Sonnenaufgang" (76,4). Und was vernehmen wir? Überraschende Erkenntnis: Wie vernehmen sächsisch-gemütliche Gediegenheit. Vom ersten Ton des D-Moll-Quartetts will sich der rechte Schwung, die Begeisterungskraft, die elektrisierende Energie nicht recht einstellen. Behäbig beinahe der Kopfsatz, das Allegro, staksig das folgende Andante o pių tosto allegretto, hölzern das Menuett, als hätten sie Steine an den Beinen, ja, und auch das Finale (Vivace assai) kommt nicht wirklich aus den Startlöchern heraus. Liegt´s am Stück? Ein bisschen vielleicht schon. Doch will der Interpret nicht solch kostengünstige Entschuldigung. Und so müssen sich die Gewandhäusler dann doch fragen lassen, wo ihr Esprit geblieben ist, ihr bei Beethoven so wunderbarer Hang zum Humor, zur Zuspitzung, zur frechen Sottise, zur Attacke. Denn was in dem "Quintenquartett" sich andeutet, bestätigt sich in den beiden anderen Werken: Von diesen interpretatorischen Finessen, von der Delikatesse der Musizierhaltung zu wenig Spur. Immerhin zum Troste: hohe Spielkultur. Doch sie können mehr, die Vier, ganz sicher. Sie müssten es nur wieder zeigen.
Tom Persich
Rondo 21.07.2005