Haydn - Bekannte und unbekannte Klassiker


29.05.2005 09:10 Uhr
Deutschlandfunk Kammermusik
Bekannte und unbekannte Klassiker
Streichquartette von Haydn
Von Norbert Ely

Diesmal geht es um die Kammermusik par excellence, um das Streichquartett, und zwar um in höchstem Grad Bekanntes.
Das Gewandhaus-Quartett, das übrigens nach wie vor mit dem korrekten konservativen Bindestrich zwischen Gewandhaus und Quartett auftritt, hat im Gefolge seiner überaus erfolgreichen, wenn auch durchweg konservativen Beethoven-Gesamtaufnahme bei NCA - New Classical Adventure - eine CD mit den Streichquartetten op. 76,2-4 von Joseph Haydn herausgebracht - Titel: "Berühmte Streichquartette".

Das Leipziger Gewandhaus-Quartett betreibt, so möchte man sagen, Klassiker-Pflege auf höchstem künstlerischem Niveau. Die vier Herren stehen, auch wenn man ihre neueste CD hört, nicht unbedingt in dem Verdacht, die Musik einer großen Vergangenheit quasi neu entdecken zu wollen. Sie pflegen sie. Das allerdings mit außerordentlicher Kompetenz. Und so stellen auch Haydns Quintenquartett, Kaiserquartett und Sonnenaufgang - so die Beinamen der drei wahrlich bekannten Werke aus Opus 76 - einen Gewinn für jede Plattensammlung dar. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Frank-Michael Erben, der Primarius, nun wirklich ein vorzüglicher, technisch souveräner Geiger mit dem leicht nervösen, antreibenden Ton des geborenen Virtuosen ist. Dem sogenannten Quintenquartett d-moll op. 76 Nr. 2 bekommt nicht nur, dass Erben seine Führungsqualitäten mit Vehemenz ausspielt, sondern es macht sich hier auch bemerkbar, dass das Gewandhaus-Quartett vor den Erfahrungen anderer Ensembles mit historisierenden Artikulationsformen offenbar nicht völlig die Ohren verschlossen hat. Will sagen: da weht einen manchmal ein frischer Geist im Umgang mit den Quinten und den sich daraus ergebenden harmonischen Komplikationen an:

* Musikbeispiel: Joseph Haydn - 1. Allegro (Ausschnitt) aus: Streichquartett d-moll, op. 76 Nr. 2 Hob.III:76

Das Gewandhaus-Quartett mit dem Kopfsatz zum Streichquartett d-moll, op. 76 Nr. 2 von Joseph Haydn, dem sogenannten Quintenquartett. Das mittlere der drei eingespielten Werke ist das Kaiserquartett, das seinen Beinamen dem Thema des langsamen Satzes Poco adagio, cantabile verdankt. Poco adagio ist also schon mal richtig, cantabile auch, denn immerhin lautet der Text zum Lied ja "Gott erhalte, Franz den Kaiser". Nun gehörte es sich nach Ansicht des Schauspielers, Dramatikers, Regisseurs und Theaterdirektors August Wilhelm Iffland zumindest für ein gutes Theaterstück, erst recht für eine gute Tragödie, dass immer auch zumindest ein bisschen Rührung dabei war. Das Gewandhaus-Quartett spielt den genannten langsamen Satz also quasi im Geist Ifflands, nämlich gerührt. Und da kann es für den einen oder anderen Geschmack doch ein bisschen viel werden mit der Klassiker-Pflege. Kein Zweifel: Alles klingt wunderschön. Aber gehen diese Variationen nicht doch in eine verdammt andere Richtung? Kann man da in der letzten Variation nicht doch eine Stimmführung heraushören, die verzweifelt an Bach'sche Passionschoräle gemahnt und nicht so sehr an die singende Muse an der Pleiße?

* Musikbeispiel: Joseph Haydn - 1. Allegro (Ausschnitt) aus: Streichquartett C-dur, op. 76 Nr. 3 Hob IIII:77

So viel zum Gewandhaus-Quartett und seiner neuen, manchmal vielleicht zu schönen Einspielung dreier Streichquartette aus Haydns Opus 76.
Deutschlandfunk 29.05.2005