60205 - Klassik Grell, eisig, schneidend - fantastische neue Gesamtaufnahme des Gewandhaus-Quartett


DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12 [http://www.zeit.de/2009/12/M-Mendelssohn-Gewandhaus]

Klassik
Grell, eisig, schneidend

Von Oswald Beaujean
Das Gewandhaus-Quartett entdeckt in den Streichquartetten von Mendelssohn-Bartholdy mehr als den formvollendeten Klassizismus, den viele hören

Sein erstes Streichquartett schreibt Felix Mendelssohn-Bartholdy im März 1822. Eine Opuszahl war es ihm nicht wert, erst 30 Jahre nach seinem Tod erscheint es im Druck. Zu viel Konvention ist da zu hören, zu viel Haydn und Mozart. Und zu offensichtlich scheinen im kunstvollen Fugenfinale die Kontrapunktübungen des Lehrers Carl Friedrich Zelter durch. Wen wundert es? Mendelssohn ist damals 13 Jahre alt. Wer das allerdings bedenkt, hört den langsamen Satz dieses Es-Dur-Quartetts mit angehaltenem Atem. Melancholisch versonnen, fast beängstigend intensiv zieht das Adagio non troppo vorüber, verdämmert in seltsam fahlen Grautönen. Einblicke in eine Kinderseele? In die Gedankenwelt eines Jungen, dem doch, wie stets betont wurde, alles wie selbstverständlich in den Schoß fiel – sein unfassbares Talent, die bestmögliche Erziehung, soziale Sicherheit, Reichtum? Unmittelbar nach Mendelssohns Tod wird die Nachwelt damit beginnen, seiner Musik genau deswegen den wahren Ernst, die echte Empfindung abzusprechen. Darin folgt sie den antisemitisch unterfütterten Vorwürfen Richard Wagners, der 1850 in seinem Pamphlet über das Judentum in der Musik weniger im Brustton der Überzeugung als aus gezieltem Kalkül feststellt, Mendelssohns Musik vermöge nicht »ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen«, die von der wahren Kunst zu erwarten sei.

Nur drei Jahre zuvor hat Mendelssohn sein Streichquartett in f-moll op. 80 komponiert, ein explosives Gemisch aus erregten Tremoli, wild auffahrenden Motiven und Motivfetzen, eine schrundige Felsenlandschaft, in der vier Musiker an jäh aufbrechenden Abgründen entlangbalancieren. Es ist Musik, die nicht kalt lassen kann. Dazwischen ein Adagio, aus dem viel Ergebenheit, aber kein Trost spricht.

Wie sich überhaupt alles, was zumindest etwas freundlicher klingt in diesem wüsten, ja nihilistischen Stück, bestenfalls als Erinnerung an vergangenes Glück hören lässt. Was Mendelssohn sein Leben lang für unverzichtbar hielt, die – beim Streichquartett aus der intensiven und ungeheuer differenzierten Auseinandersetzung mit dem späten Beethoven gewonnene – Wahrung des klassischen Formenkanons, fegt er hier mit einer einzigen, wild verzweifelten Geste beiseite. Auch solche Expressivität passte der Nachwelt nicht. Zu wenig kammermusikalisch, zu symphonisch in der Konzeption sei das Werk, befand noch 1963 der Mendelssohn-Biograf Eric Werner, eine Einschätzung, die die fantastische neue Gesamtaufnahme der Mendelssohn-Streichquartette durch das Gewandhaus-Quartett vollends ad absurdum führt. Grell, schneidend, eisig stellen Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Olaf Hallmann und Jürnjakob Timm die auf Floskeln reduzierten Motive aus, fast schmerzhaft bohren sich Einzeltöne ins Gehör.

Ungleich kompromissloser als etwa das Emerson Quartet, das dem extremen Werk in seiner Mendelssohn-Gesamtaufnahme einen wolkig orchestralen Raumklang verleiht, stoßen die vier Musiker des Gewandhausorchesters in expressionistische Grenzbereiche des Quartettspiels vor. Letztlich nicht allzu viel erklärt da der geläufige Hinweis auf den Tod von Mendelssohns geliebter Schwester Fanny. Klassizistische Glätte, Oberflächen-Glanz? Wagner hätte nicht unbedingt zu diesem f-moll-Quartett aus dem Todesjahr des Komponisten greifen müssen.

Das zwanzig Jahre ältere Streichquartett in a-moll op. 13 des 18-jährigen Mendelssohn, das erste wirklich gültige, das er zwei Jahre vor seinem Es-Dur-Quartett op. 12 schrieb, hätte gereicht. Einen unerhört drängenden, unruhig pochenden Gestus verleihen die Leipziger Musiker dem unfassbar reifen Jugendwerk, blitzschnell wechseln die Klangfarben, kippen aggressiv aufschießende Linien ins Fahle, Schattenhafte, entwickeln sich die Mittelstimmen zu untergründig brodelnden Gegenkräften. Eine Gespenstersonate. Neben solch extremer klanglicher Transparenz und emotionaler Zuspitzung wirkt selbst die ausgezeichnete Einspielung des Cherubini Quartetts von 1990 eine Spur harmlos, wohl auch, weil sie seinerzeit auf ein insgesamt runderes Klangbild setzte.

Vielleicht aber sind es insbesondere die drei Quartette op. 44, die die Gewandhausmusiker einer Neubewertung unterziehen. Gerade ihnen wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, sie tendierten, ungeachtet oder gar wegen ihrer kompositionstechnischen und formalen Meisterschaft, zur oberflächlichen Unverbindlichkeit, sie seien Mendelssohns Rückzug auf klassisch gesichertes Terrain. Man höre nur einmal, wie das Gewandhaus-Quartett dem vermeintlich gemütvollen Menuetto des D-Dur-Quartetts op. 44 Nr.1 alle Harmlosigkeit austreibt, mit zurückgenommenem Vibrato, scharfen Akzenten, Unterstimmen, die die Solopassagen des Primgeigers eher belauern denn stützen. Es sind solche Momente, die die etwas demonstrativ auftrumpfende Selbstgewissheit des Presto -Finales unterminieren. Überhaupt ist das Gewandhaus-Quartett ganz offensichtlich darum bemüht, alles Glättende, nur Schöne in den Hintergrund zu rücken. Aufschlussreich ist diesbezüglich der Vergleich mit dem weicheren, auf den ersten Blick vielleicht angenehmeren, doch wesentlich räumlicheren Klangbild der heimatlichen Konkurrenz. Die 2004 abgeschlossene Gesamtaufnahme des Leipziger Streichquartetts wurde gerade als Box wieder veröffentlicht.

Das Gewandhaus-Quartett bevorzugt dagegen einen deutlich direkteren, aufgehellten Klang, der ganz auf Trennschärfe und strukturelle Transparenz setzt, ein Ansatz, der insbesondere in den formal so hinreißenden mittleren Quartetten gewiss nicht der schlechteste ist. Das Scherzo des Es-Dur-Quartetts op. 44 Nr. 2 etwa hat man derart jagend, ja geisterhaft abgründig noch nicht gehört, ohne dass eine Sekunde die hoch komplexe, Kanon, Doppelfugato und Engführung kurzschließende Kontrapunktik des Satzes verwischt würde. Gerade wenn man ihn so musiziert, ist der Satz ein grandioses Beispiel für Mendelssohns unglaubliche Kunst, seinen vermeintlichen Klassizismus in reinste Ausdrucksmusik umzumünzen. Doch darüber erzählt das Gewandhaus-Quartett überhaupt eine ganze Menge.

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sämtliche Streichquartette, Gewandhaus-Quartett (NCA)
Die Zeit 12.03.2009