Vertraut


Bei einem Quartett aus dem Leipziger Gewandhaus möchte man gerne eine besonders enge Verbindung mit der Musik des früheren Kapellmeisters Mendelssohn unterstellen. Und in der Tat: Die vorliegende Interpretation des traditionsreichen Ensembles zeugt von einer tiefen Vertrautheit - und nimmt den Hörer für die Kammermusik des immer noch vernachlässigten Komponisten ein. Denn es gelingt den vier Streichern, ihre subtile und fein differenzierte Ensemblekultur mit einem ganz natürlichen Zugriff zu verbinden: Wenn hier jede Phrase sorgfältig artikuliert und jeder Akkord wohlüberlegt ausbalanciert ist, dann wirkt das trotzdem niemals abgezirkelt oder gar steril, sondern stets ganz organisch musiziert und ausgesungen, als könnte es gar nicht anders sein. Weil Mendelssohn es eben genau so notiert und gewollt hat. Insgesamt pflegt das Gewandhaus-Quartett von heute - 200 Jahre nach seiner Entstehung - einen auffallend schlanken, aber weich gerundeten Ensembleklang, bei dem das Vibrato nicht im Übermaß, sondern wohltuend sparsam eingesetzt wird.
Daraus ergibt sich ein transparentes Klangbild, das auch der Aufnahme des dritten Schumann-Quartetts zugutekommt: Wie schon bei Mendelssohn sind alle Stimmverläufe gut durchhörbar und geschmeidig in den Zusammenhang eingefügt. Ohne die Kontraste und Akzente so schroff herauszumeißeln wie etwa die Kollegen vom Hagen- oder Zehetmair-Quartett, beinhaltet die Farbpalette der Leipziger sehr wohl auch die rauen Töne, wie sie etwa im "Assai agitato" zu hören sind. Und so entsteht eine äußerst lebendige und gleichzeitig ganz innige Aufnahme auf meisterlichem Quartettniveau: Kammermusik in Reinkultur.

Markus Stäbler
Fonoforum 26.01.2009