Musikalische Sommerfrische


Wer für eine abenteuerliche Besetzung schreibt, muss, sofern er die nötigen Musiker nicht zu seinem Freundeskreis zählt, damit rechnen, nicht gespielt zu werden. Ist das Werk aber interessant und wertvoll, regt es vielleicht Musiker zur Bildung eines stehenden Ensembles an, das selbst wiederum zur Erweiterung des eigenen Repertoires Komponisten zur Schaffung neuer Werke für die spezielle Instrumentenkombination anregen kann. Oder andere Komponisten erkennen für sich den Reiz der ungewohnten Besetzung. Eine solche anregende Wirkung besaß und besitzt die Sonate für Flöte, Viola und Harfe von Claude Debussy (1862–1918), deren Besetzung andere Komponisten übernommen haben, und auf die sich auch das junge Trio Leandro – bestehend aus Andreea Soldan (Violine), Lena Fitoussi (Harfe) und Robert Buchwald (Flöte) – beruft. Das Ensemble ist hier mit seiner 2005 aufgenommenen und beim Label New Classical Adventure auf SACD erschienenen Debüt-Platte zu erleben.

Debüt-Programm
Dass die musikhistorische ‚Wurzel’ von Debussy in dieser Produktion nicht fehlen darf, versteht sich von selbst. Ihrer Bedeutung angemessen steht die Sonate am Beginn. Debussy hatte übrigens sechs Stücke für verschiedene Besetzungen geplant, die er jedoch nicht alle umgesetzt hat. Zwei weitere Stücke haben eine traditionelle Besetzung, und eine Sonate für Oboe, Horn und Cembalo wurde nicht mehr komponiert – schade um die vielen Stücke dieser Besetzung, die uns so möglicherweise vorenthalten worden sind. Anders die Leandro-Besetzung: Der Rest des Programms besteht aus Stücken, die alle mehr oder weniger direkt auf Debussy Bezug nehmen. Auf das kurze 'Prélude d’Automne' von Gian Paolo Chiti (geb. 1939) folgt das Trio für Flöte, Viola und Harfe des unlängst verstorbenen Harald Genzmer (1909–2007). Der für den Aufbau des israelischen Musiklebens bedeutende Mark Lavry (1903–1967) folgt mit seiner 'Suite concertante' op. 348, bevor André Jolivet (1905–1974) den Schlusspunkt setzt – die überzeugende Schlusswirkung in erster Linie gründend auf den etwas derb-schmissigen, nichtsdestotrotz aber pfiffigen Finalsatz seiner 'Petite Suite', einem Frühwerk des Studenten.

Leicht fasslich
Debussys Sonate als das älteste muss gleichzeitig allerdings auch als das ‚modernste’ Werk des Programms angesehen werden. Harald Genzmer, der sich leichte Fasslichkeit ohnehin zeitlebens auf die Fahnen geschrieben hatte, aber auch Lavry und Jolivet bieten klassizistisch schlanke Werke vorwiegend heiterer Stimmung – was sollte man bei der Besetzung mit Flöte und Harfe, bei der höchstens die Bratsche für ein paar abgedunkelte Töne sorgen kann, aber auch anderes erwarten? Das Trio Leandro musiziert auf hohem technischem Niveau und beweist tiefes Verständnis und große Verbundenheit mit den Kompositionen. Das Zusammenspiel ist ebenso perfekt wie die Intonation rein; die Harfenglissandi perlen geläufig, die Flöte setzt silbrige Glanzlichter. Nicht minder virtuos führt Andreea Soldan die in Streichquartett wie Orchester oft als Füllstimme missbrauchte Bratsche.

Vorbildlicher Klang, gute Präsentation
Zu loben ist die vorbildliche Klangqualität, die nicht nur von außerordentlicher Transparenz und Reinheit ist, sondern auch eine optimale Balance zwischen den drei MusikerInnen garantiert. Ansprechend mit farbigen Abbildungen gestaltet und mit fundierten Texten ausgestattet präsentiert sich das dreisprachige Booklet. Die Besetzung ist sicher gewissen Beschränkungen unterworfen, hat verschiedene Komponisten aber zu heiteren und bedingungslos hörenswerten Werken angeregt. Wer mediterrane Sonne nordischem Nebel vorzieht, ist hier goldrichtig.

Kritik von Christian Vitalis

Bewertung:
Interpretation 4/5
Klangqualität 4/5
Repertoirewert 4/5
Booklet 4/5
Klassik.com 08.12.2008