Dresden 1652


Fast scheint es Mode zu werden, den CD-Käufer mit historischen Orten und Daten zu locken - jüngst Andreas Staier mit 'Hamburg 1734', nun die Hamburger Ratsmusik mit 'Dresden 1652', ganz so, als ob man ein schlechtes Gewissen haben müsse, damit keine historischen Ereignisse von weitreichender Bedeutung verbinden zu können. Keine Bange! Ganz so eindeutig wie 'Paris 1789' oder 'München 1972' sind jene Zahlenköder nicht; dennoch treffen wir im vorliegenden Falle im Dresden des Jahres 1652 auf ein historisches Ereignis, das dem eingespielten Programm eine innere Klammer verleiht.
Der CD-Titel spielt auf die Hochzeitsfeierlichkeiten von Prinzessin Magdalena Sibylla mit Herzog Friedrich von Sachsen-Altenburg an, eine wahrlich barocke Festivität: Mehrere Wochen sollten die Feierlichkeiten dauern - mit prachtvollen Feuerwerken, Singspielen, Balletten und einer Aufführung von Heinrich Schütz' Oper Der triumphierende Amor. Wochenlang wurde im Vorfeld geprobt. Und hier sind sich wohl auch die beiden Musiker begegnet, deren Werke im Zentrum der CD stehen: der etablierte Hofmusiker Christoph Bernhard (später Nachfolger seines Mentors Schütz) und der Gambist und Lautenist Christian Herwich. Letzterer war weitgereist. Sein Werk ist nicht sehr umfangreich, war aber offenbar seinerzeit weit verbreitet. Wie es das Schicksal wollte, platzte aber die Hochzeit wegen eines unerwarteten Todesfalles im letzten Moment und entließ die teils eigens angereisten Musiker (nach wochenlangen Proben) ohne Lohn und Brot. Soweit zum historischen Hintergrund.
Noch einmal finden wir beide Musiker vereint in einer der Hauptquellen der Einspielung, dem erst jüngst wieder entdeckten sog. Gothaer Partiturenbuch aus der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, der einzigen erhaltenen Quelle der (hier eingespielten) reinen Instrumentalkompositionen Christoph Bernhards.
Die Hamburger Ratsmusik unter der künstlerischen Leitung Simone Eckerts musiziert mit Verve, Engagement und Sorgfalt. Klaus Mertens' hell getönter Bariton gewährt den Liedern Bernhards mit seiner klaren, natürlich-schlichten Diktion perfekte Textverständlichkeit. Gerne hört man die CD in einem Zuge, zumal auf Abwechslung und Farbigkeit der Besetzungen offensichtlich großer Wert gelegt wurde. Das Klangbild der Aufnahme überzeugt mit klarer Präsenz und unaufdringlicher Räumlichkeit. Simone Eckert hat dem interessierten Hörer einen umfangreichen, lesenswerten Begleittext an die Hand gegeben, ebenso finden sich ausführliche Informationen zu den Interpreten und dem verwendeten Instrumentarium.
Unverständlich (und unverzeihlich) bleibt bei der Produktion dieses so luxuriös gestalteten und ausgestatteten Digipacks, daß man auf den Abdruck der Liedtexte verzichtet hat.
Heinz Braun
Klassik heute 24.02.2006