Das Klavier, das seelenhafte Wesen


Friedrich Nietzsche - CD stellt den Philosophen als ehrgeizigen Komponisten vor.
Von Michael Thumser


Unfreiwillig, so erzählte Friedrich Nietzsche, habe es ihn in Bonner Studententagen in ein Freudenhaus verschlagen. „Ich sah mich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung, und ich gewann das Freie.“
Das Zitat entwirft eine Szene, darin ein Geistesmensch kraft schirmender Tonkunst seine bedrohte Unschuld bewahrt. Bei anderer Gelegenheit sah der junge Nietzsche sich weniger sorgfältig vor: Möglicherweise sogar wissentlich infizierte er sich bei einer amourösen Begegnung mit Syphilis. Die folgende, zeitweilig bewusstseinserweiternde Zerstörung seines Nervensystems mag zur Brillanz seiner Formulierungskunst, zur Verwegenheit seiner Gedanken beigetragen haben. Womöglich auch forcierte sie zugleich seine trunkene Begeisterung für die Musik, speziell für jene Richard Wagners: Bevor Nietzsche sich als dessen grimmigster Gegner erhob, feierte er ihn beseligt als Genie.
Nur in Klängen, meinte Nietzsche, offenbare sich der „dionysische“ Grundzug des Menschseins ganz unverstellt und keiner Übersetzung bedürftig – das unbewusst Rauschhafte, der „Instinkt“. Kein Wunder, dass der Philosoph, von Kindheit an ein trefflicher Klavierspieler, vor allem improvisierend Eindruck hinterließ. Nun stellt eine CD des Labels „New Classical Adventure“ den Werte und Welten umstürzenden Denker als Komponisten vor – und gleichsam als Pianisten. Von seinen 73 tonschöpferischen Arbeiten sind 17 Lieder, hinzu kommt eine Violinfantasie; das Gros besteht aus einem Konvolut mit zwei größeren sowie etlichen kleinen bis kleinsten Piano-Piècen.
Kenner verehren den Denker wegen seiner Wort- und Stilkunst als den musikalischsten unter den deutschsprachigen Philosophen. Wie aber „klingt“ Nietzsche? Jedenfalls niemals nach Wagner; eher nach Robert Schumann, einmal gar nach dem Beethoven der „Mondscheinsonate“. Weltschmerzlich klingt er; und attraktiv melodisch – hierin liegt, wenn er denn eine hat, seine Stärke. Und, zugegeben, hohl klingt er, im Gebärdenspiel oft absichtsvoll reduziert und still, doch ohne die dazu unerlässliche Substanz. Oder er weicht von seiner Domäne, der Lyrik, in die Prätentionen des Pathos aus, versteigt sich in Stimmungsaufwallung und angemaßte Bedeutung – so in einer „energisch düsteren“, gut siebenminütigen „symphonischen Dichtung“ namens „Ermanarich“ und erst recht im ausführlichsten Beitrag der Einspielung, dem zwanzigminütigen „Hymnus an die Freundschaft“. Den vergötterten Wagner kosteten Nietzsches Komponierversuche gerade mal ein Lächeln; der berühmte (Wagner-) Dirigent Hans von Bülow nannte sie gar „unerquicklich“: eine „Notzucht“ der Muse.
Unvoreingenommen ernsthaft nimmt sich dennoch Michael Krücker, der Interpret der (informativ kommentierten) CD-Neuaufnahme, die Stücke vor. Auch er, auf Ränder des Klavier-Repertoires spezialisiert, kann und mag nicht über die Dünnstellen in den Partituren des ehrgeizigen Autodidakten hinwegtäuschen. Aber er entfaltet einen sympathischen „Instinkt“ fürs subjektive Bekenntnis, für den formal und harmonisch reizvollen Einfall. Mit ihm würdigt Krücker die Albumblätter und Mikro-Sonaten, „Einleitungs-“ und „Schluss“-Versuche in all ihrer Unbeholfenheit als unverdrossen intuitives Streben nach einer Ausdrucks-Vollendung, für die der dilettierende Tonsetzer freilich allein literarisch „das Freie gewann“. Wenn auch; ein Leben ohne Musik, so fand Nietzsche , sei „einfach ein Irrtum, eine Strapaze, ein Exil“.
Frankenpost 19.08.2008