60189 - Wie Nietzsche komponierte - hier wird viel geschwitzt


Als Dichter hat er Gustav Mahler begeistert, als Naturphilosoph Frederick Delius. Der Erkenntnis-theoretiker Friedrich Nietzsche, dem die wahre Welt zur Fabel wurde, beeinflusste Anatolij Ljadow und Richard Strauss, der musikalisch über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne auf der Höhe seines Idols zu spekulieren verstand. Nietzsches Wirkung auf die europäische Musik war also groß. Aber wann immer er seine eigenen Kompositionen Fachleuten vorlegte, erntete er Spott. Notzucht an der Muse der Tonkunst seien die (Cosima Wagner gewidmeten) "Nachklänge einer Sylvesternacht", bemerkte Hans von Bülow. Und Richard Wagner hielt den jungen Professor aus Basel für krank, er empfahl ihn seinem Arzt. Halbwegs anständig verhielt sich nur Brahms, als er, nachdem Nietzsche ihm sein Buch "Zur Genealogie der Moral" sowie die Komposition "Hymnus an das Leben" geschickt hatte, antwortete: "Johannes Brahms erlaubt sich hierdurch seinen verbindlichen Dank für Ihre Sendung zu sagen: für die Auszeichnung, als welche er sie empfindet, und die bedeut-samen Anregungen, welche er Ihnen verdankt." So weit, so frostig.

Dabei muss Nietzsche ein versierter Pianist und begabter Improvisator gewesen sein. Rein klanglich verstand er es, einen wohligen Klaviersatz zu schreiben: Oktaven im Bass, enge Akkorde im Tenor und Alt, weit gespreizte im Diskant - das schafft Fülle, Wärme, nutzt die Tiefenresonanzen, vermeidet Härten. Michael Krücker spielt das auf seinem neuen Nietzsche-Album mit "Sämtlichen Werken für Klavier Solo" (NewClassical Adventure NCA 60189, im Vertrieb von harmonia mundi) mit weichem, voluminösem Ton - unüberhörbar orientiert am Ideal des Wagner'schen Orchesters mit dessen samtigen Horn- und Tuba-Chören in der Mittellage. Kompositorisch jedoch sind die Stücke meist ein Jammer. Zwar hat sich Nietzsche in der Harmonik an dem orientiert, was zu seiner Zeit neu und erregend war: Liszt, Wagner, die größten Kühnheiten Chopins und Schumanns. Aber bauen konnte er damit nichts. Die symphonische Dichtung „Ermanarich" und der fast zwanzigminütige "Hymnus an die Freundschaft" bestehen nur aus fiebrigem Herumreiben an den erogenen Zonen der Tonalität, an Vorhalten, enharmonischen Verwechslungen, Sept- und Nonakkorden. Immer geht es schnell zum Höhepunkt, dann sehr oft. Wenn die Macho-Regel der Hygiene bei Ernest Hemingway besagt, dass Feuchtigkeit beim Mann nur von innen komme, so war Nietzsche musikalisch ein sehr feuchter Mann. Jedenfalls ist ihm Musik, die nicht schwitzt (so, wie er selbst es an Bizet schätzte), nicht geglückt. Nur, wo das Gerüst des Tanzes durchscheint, etwa in einer Mazurka oder der Barkarole "Im Mondschein auf der Puszta", gelangte er zu formaler Klärung. Nietzsche, der sich so sehr nach dem großen Stil sehnte, bringt es in seinem "Sturmmarsch" in Des-Dur allenfalls zu Wagner'schem Brokatquastenpomp. "Großartig" lautet die Vortragsanweisung. Er, der an Schumann bemäkelte, dass dessen Geschmack im Grunde nur ein kleiner war, ergeht sich selbst im Kleinen.

"Das ,Fragment an sich'" heißt ein Klavierstück, das zu den schönsten dieser CD gehört: Michael Krücker genießt das stille Verdämmern, das Glück, im Nebel der Welt abhandenzukommen. Hier verliert sich auch Nietzsche "in der Sächsischen Schweiz seiner Seele", wie er selbst über Schumann witzelte. Und man hört, dass das nichts Lächerliches sein muss. Die langsame E-Moll-Polka "So lach doch mal" mit ihrem Aufschwung vom Grundton zur kleinen Mollseptime ist ebenfalls ein Stück von liebevoller, tief anrührender Traurigkeit, die an das Feinste bei Schubert gemahnt.

Was Nietzsche an anderen Komponisten kritisierte, war wohl das, was er an sich selbst nicht ausstehen konnte. Seine Invektiven gegen Schumann, Wagner, Brahms sind projizierter Selbsthass, dem Ressentiment des Unvermögens entsprossen. Insofern ist dieses Album in seiner Ernsthaftigkeit und in der zarten Hingabe des Interpreten ein wichtiger Beitrag auch für das emotionale Verständnis der heute noch viel zitierten Urteile Nietzsches über seine Zeit. Michael Krücker spielt oft so schön und eindringlich, dass man über das gedankliche Scheitern der Musik hinweghört, es nicht als Makel empfindet. Den völlig in sich eingesponnenen Beginn der Fugenfragmente könnte man sich gut als Titelmusik eines leider nicht existierenden dreistündigen Nietzsche-Films in fünf Teilen von Luchino Visconti denken.


Jan Brachmann / Text: F.A.Z., 19.07.2008, Nr. 167 / Seite 36
FAZ 19.07.2008