Der musikalische Philosoph


Friedrich Nietzsche ist wohl der musikalischste aller Philosophen. Nicht nur, dass er sich in seinen Schriften mit Musik und Musikerpersönlichkeiten, am intensivsten zweifellos mit Richard Wagner, den er nach anfänglicher Verehrung schließlich vehement ablehnte, beschäftigte – seine Schriften selbst sind zum Teil in dezidiert musikalischen Formen konzipiert. ‚Also sprach Zarathustra’, das auch der philosophisch desinteressierte Musikhörer durch Richard Strauss’ sinfonische Dichtung gleichen Namens zweifelsohne – zumindest dem Namen nach – kennen sollte, bezeichnete Nietzsche etwa als eine ‚Symphonie’. Darüber hinaus war Nietzsche aber auch selbst ausübender Musiker: Er galt als tüchtiger Pianist und fähiger Improvisator; insgesamt sind etwa 50 Kompositionen überliefert: neben Liedern in erster Linie zwei- und vierhändige Klavierstücke. Die Karriere als Komponist zerschlug sich jedoch wegen der verständnislosen Reaktionen einiger Autoritäten; Richard Wagner soll über ein Nietzsche-Stück gelacht haben, und Hans von Bülow fand in der Beurteilung einer ‚Manfred’-Musik dermaßen brutale Worte, dass Nietzsche das Komponieren fortan weitestgehend eingestellt hat – sieht man von der ‚Komposition’ seiner philosophischen Hauptwerke ab, die dann beginnen sollte.

Vollendetes und Fragmentarisches

Wie hat man Nietzsches Kompositionen also einzuschätzen? Als Meisterwerke eines verkannten Genies oder tatsächlich als Stümpereien ohne jeglichen Wert? Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo zwischen den Extremen, wovon man sich anhand einer Gesamteinspielung des (zweihändigen) Klavierwerks Nietzsches durch den Pianisten Michael Krücker, die unlängst beim Label New Classical Adventure erschienen ist, überzeugen kann. Den vollendeten Werken hat Krücker auch einige Fragmente zur Seite gestellt, die den Blick auf den Komponisten Nietzsche vertiefen; als Hauptwerke sind die von Liszt beeinflusste sinfonische Dichtung ‚Ermanarich’ sowie der ausladende ‚Hymnus an die Freundschaft’, der mit fast 20 Minuten Spielzeit das mit Abstand längste Werk der Platte stellt (zum Vergleich: besagter ‚Ermanarich’ ist mit nur sieben Minuten ebenso unangefochten auf Platz 2) zu nennen. Die ‚Sonate’ bzw. ‚Sonatine’ betitelten Werke darf man nicht überbewerten; es handelt sich um eher unvermittelt nebeneinander stehende kleine Sätzchen. Dann gibt es noch Märsche, ‚polnische Tänze’, eine Klangdichtung ‚Im Mondschein auf der Puszta’ und anderes; unter den Fragmenten auch Versuche in der Fugentechnik. Ansprechend ist die Programmgestaltung, die den ‚Hymnus’ im Zentrum platziert und mit einer ‚Einleitung’ öffnet und durch den fragmentarischen ‚Schluss eines Klavierstücks’ beendet wird.

Je kleiner, desto besser

Gerade in den kleinen bis kleinsten Arbeiten weiß Nietzsche am ehesten zu gefallen; nimmt er eine größere Form in Angriff, merkt man die kompositorischen Defizite deutlicher. Der schlichte, leicht wehmütige Klang einiger der Miniaturen wirkt unmittelbar sympathisch, während die größeren Stücke, die wohl auch als Klavierauszug gedacht sind und klanglich über die Möglichkeiten des Instruments hinausgehen, eher hölzern wirken. Michael Krücker will nun aber nicht beweisen, dass Nietzsche ein schlechter Komponist war, sondern lässt sich auf jedes der Stücke ein und liefert handwerklich saubere, darüber hinaus eben aber auch einfühlsame und liebevolle Interpretationen. Dass er dabei einen zwar ebenmäßigen, grundsätzlich aber recht gesichtslosen Yamaha-Konzertflügel wählte, mag man bedauern; einiges könnte dieser Musik an Reiz vielleicht noch wiedergegeben werden, wenn man sie auf einem Instrument aus der Zeit Nietzsches interpretierte. Die Aufnahmequalität der auf hybrider SACD vorliegenden Einspielungen ist gut; während der Mehrkanalmodus durchaus räumlich wirkt, fällt im Stereoklang eine gewisse Dumpfheit auf, die jedoch keine nennenswerte Beeinträchtigung darstellt.

Schmucke Aufmachung

Man kann davon ausgehen, dass sich für diese Platte auch Leute interessieren, die in erster Linie den Philosophen Nietzsche schätzen, auf Klaviermusik generell aber nicht unbedingt neugierig sind. Die schmucke Aufmachung der Produktion mit einem 63-seitigen Booklet mit Texten in drei Sprachen, scheint dem Rechnung getragen zu haben. Etwas schade ist es aber, dass – im ansonsten sehr lesenswerten Text zum Thema ‚Nietzsche als Komponist’ – die einzelnen Stücke etwas kurz kommen und nur beispielhaft einmal herausgegriffen werden. Das Tracklisting ist als misslungen zu bezeichnen; hier wird einfach nicht deutlich, wie sich die Stücke zu größeren Zusammenhängen gliedern. Positiv sind die zahlreichen Abbildungen, darunter auch eine Notenseite (die mit dem ‚Sturmmarsch’ immerhin eine ganze Nietzsche-Komposition abbildet). Dass die Aufnahmen im Oktober 2008 (!!) entstanden sein sollen, ist hingegen wieder ein peinlicher Fauxpas.

Fazit: Für Nietzsche-Fans

Also – muss oder sollte man diese Platte besitzen? Wer in erster Linie auf Hörgenuss aus ist, wird wohl enttäuscht sein; ein enger Bezug zu Nietzsche und die Neugier, diesen Philosophen auch einmal von seiner eher unterbelichteten Seite kennen zu lernen, sollten schon vorhanden sein. Durch die schmucke Aufmachung gibt die Produktion dann auch abseits vom klassischen Anwendungsfall (dem Abspielen der CD) einiges her.

Kritik von Christian Vitalis, 22.07.2008
Klassik.com 22.07.2008