Mehr als schiere Größe


Konkrete Anlässe für die Komposition neuer Werke sind in der Musikgeschichte kaum die Ausnahme. Auch die ‚Missa Salisburgensis’, von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) im Jahr 1682 fertiggestellt, ist für einen repräsentativen Anlass geschrieben worden: In jenem Jahr wurde das 1100jährige Bestehen des dortigen Erzstifts gefeiert, das unter anderem mit einem prachtvollen Festgottesdienst im soeben fertiggestellten Salzburger Dom gewürdigt wurde. Die Messe ist insofern etwas sehr Spezielles, als sie – darin den früheren Errungenschaften der Komponisten an der venezianischen Markuskirche vergleichbar – als kombinierte ‚Musikraumkunst’ konzipiert ist. Ihre 53 klingenden Partien verteilen sich auf 16 vokale sowie 35 instrumentale Stimmen und zwei Orgeln.

Diese klangliche Pracht wurde ideal in die architektonischen Gegebenheiten des Salzburger Doms eingefügt: Vokal- und Streicherchöre wurden auf den Vorderemporen positioniert, die Bläserchöre agierten von den hinteren Emporen, die Trompetenchöre aus den Seitenschiffen. Das verrät eine intime Kenntnis der räumlichen Möglichkeiten, Stil- und Affektsicherheit und nicht zuletzt eine klug planende Klangregie.

Ambitionierte Musik in erfreulicher Interpretation

Die Musik ist natürlich von erheblicher Klangballung geprägt – besetzungs- und anlassgemäß muss das so sein. Aber der auch im engeren Sinne kompositorisch ambitionierte Böhme Biber bricht die dominanten Töne einerseits rhythmisch, aber auch durch eine große Zahl eingelagerter solistischer Abschnitte: Die sind relativ kurz, melodisch und satztechnisch geschlossen, umfassen ein erstaunlich breites Ausdrucksspektrum, sind variabel instrumentiert. Das wirkt dann passagenweise erstaunlich elegant, entfaltet eine beinahe vorklassische Leichtigkeit, verknüpft mit wortgebundener Expressivität.

Ein Werk von derartiger Dimension verlangt nach einer klugen klanglichen Disposition: Die ist in schöner Transparenz gelungen, die verschiedenen Chöre bilden auch räumlich eigenständige Einheiten. Hohe Tempi werden von Sergio Balestracci mit artikulatorischer Genauigkeit verbunden. Bei Einspielungen von Kompositionen dieses Ausmaßes nicht selten zu beobachtende Gleichlaufschwankungen in Tempo, Intonation und dynamischer Kontrolle vermeidet Balestraccis umsichtige Leitung. Die vokalen Chöre zeichnen in ihrer Funktion als Klangverstärker hinreichend klar, die technisch und klanglich ausgeglichen besetzten solistischen Vokalpartien werden in gelungenem Kontrast zu den Ripieno-Abschnitten geführt.

Die – nicht an ihrem Uraufführungsort im Salzburger Dom, sondern in einer italienischen Kirche aufgenommene – Messe besticht durch Lebendigkeit, Repräsentativität, Klangsinn, Delikatesse, Satzkunst, Affektsicherheit und optimale Raumnutzung. Das sind neben der wirklich gelungenen Interpretation etliche Aspekte, die die Aufnahme hörenswert machen.

Kritik von Dr. Matthias Lange, 21.07.2008
Klassik.com 21.07.2009