60163 - Mehr Mendelssohn wagen!


Kritik von Michael Pitz-Grewenig, 10.06.2008

Interpretation: 4/5
Klangqualität: 5/5
Repertoirewert: 4/5
Booklet: 5/5

Die hochinteressante Interpretation des Streichquartetts Nr. 3 in D-Dur, op. 44/1 von Felix Mendelssohn-Bartholdy durch das Gewandhaus-Quartett provoziert wieder einmal die Frage, warum die Streichquartette von Mendelssohn-Bartholdy ein so merkwürdiges Randdasein in unseren Konzertsälen führt. Sachliche Gründe kann es hierfür nicht geben, aber es gibt schwerwiegende Argumente, diesen Werkkomplex mehr als bisher zur Kenntnis zu nehmen. Die Streichquartette sind sowohl biographische als auch künstlerisch-ästhetische Wegzeichen und markieren, wie auch bei anderen Komponisten, wichtige Stationen.

Souverän stellt das Gewandhaus-Quartett die stilistische Spannweite des D-Dur-Quartettes, das alles andere als rückwärts gewandt ist, dar. Genüsslich kosten die vier Instrumentalisten den Gedankenreichtum des 3. Satzes aus. Fast tastend weich erklingen die Anfangstakte, mit einer ganz eigenen Zerbrechlichkeit der Klänge, die lyrisch verdichtet bis ins letzte ausgefeilt wird. Atmosphärisch dicht, rhythmisch kraftvoll der Finalsatz. Die vier Musiker des Ensembles haben sich offenbar Mendelssohn-Bartholdys Hinweis an die Kritiker des Werkes: ‘Es kommt nur gar zu viel auf die Ausführung an, und ein einziger dabei, der mit Eifer und Liebe spielt, macht da einen großen Unterschied’ zu Herzen genommen. Und so können auch schon der erste und der zweite Satz durch die klangesättigte Ausleuchtung der filigranen melodischen Figuren restlos überzeugen.

Erst im Alter von 32 Jahren wagte sich Robert Schumann an die Komposition von Streichquartetten. Selbstverständlich hatte er sich zuvor durch das Studium der Werke von Mozart, Haydn und Beethoven darauf vorbereitet. Herausgekommen sind faszinierende Ausprägungen der Gattung, deren teilweise fatale Einschätzung als spröde, sperrig etc. nur noch von Bonierten kolportiert wird.
Dass sich das Gewandhaus-Quartett intensiv mit dem Werk Schumann auseinander gesetzt hat, kann man gleich beim ersten Satz des Streichquartettes in Nr. in a-Moll, op. 41, ‘erhören’. Die komplizierte Struktur wird ganz aus einer inneren Klangwelt, die sich hinter der virtuosen Oberfläche verbirgt erschlossen. Wie Klänge aus einer geheimen Welt erscheint der zweite Satz, ein Scherzo im Presto. Leider fällt diese Spannung im Mittelteil etwas ab. Der langsame dritte Satz bewegt durch zarte Töne bis hin zum tragfähigen Pianissimo. Das abschließende Presto, atmet wieder den Geist des zweiten Satzes.

Die Interpretation des Gewandhaus-Quartettes ist, trotz einiger weniger Abstriche, großartig und zeigt die wichtige Stellung der Schumannschen Streichquartette im Rahmen der Gattung. Damit aber nicht ein falsches Bild entsteht, es geht den Herren des Gewandhaus-Quartettes nicht darum, alles anders zu machen. Sie haben eben sich eben ‚nur’ den Notentext genau angeschaut. Ging es Schumann in Anlehnung an Beethoven darum, den Interpreten zu einem Musizieren ‘mit innigster Empfindung’ zu animieren, so kann man nun dank der vorliegenden Einspielung das Werk Schumanns wie auch Mendelssohns vergleichend neu ‘er-hört’ werden. Robert Schumann hat übrigens die drei Streichquartette dieser Werkgruppe Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet, dessen Streichquartette op. 44 wahrscheinlich Schumann zur Komposition seiner Streichquartette anregten, als er sie im Jahre 1938 hörte. Auch unter diesem Aspekt bietet die vorliegende CD eine intelligente Zusammenstellung.
Klassik.com 10.06.2008