60173 - Gregorianische Gesänge : Epiphanie - Zeit im Jahreskreis - Kirchweih


Die hier vorgelegte Aufnahme ist ein lebendiges Zeugnis für den hohen Stand an Stimmkultur, semiologischer Genauigkeit sowie stilistischem Sachverstand, mit dem sich ein deutsches Benediktinerkloster von heute der Gregorianik zuwendet. Daß die Gesänge in der täglichen Praxis der Mönche verwurzelt sind, mag evident sein, pflegt doch das 1904 von Mönchen aus Beuron gegründete Kloster St. Joseph zu Gerleve, Westfalen, den lat. Choral täglich in Laudes, Hochamt und Vesper zu singen.
Der Scholaleiter und Solist der melismatischen Soloverse, P. Gottfried Meier, ist Absolvent der Essener Kurse. Außerdem steht er mit seiner klösterlichen Gemeinschaft in einer beachtenswerten Choraltradition: Die Patres Liudger und Martin waren in Rom Hörer von Cardine; Godehard Joppich hat das Kloster bei der Einführung der semiologischen Interpretation von Anfang an begleitet. Pater Laurentius Schlieker war viele Jahre Dozent für Gregorianik in Dortmund und Detmold. Heute wird unter P. Gottfried Meier nicht nur jeder Gesang durch eigenes Quellenstudium restituiert, vielmehr sind schon Vorabdrucke eines neuen Antiphonale Monasticum in Gebrauch, die hohen wissenschaftlichen Stand in der Hartker-Rezeption mit viel liturgischem Feingespür verbinden und dem Auge das Ergebnis in eigener, computergesetzter Neographie präsentieren.
Die Aufnahme bietet die Proprien von Epiphanie und Kirchweih komplett mit Offertorialver-sen, dazu eine geschickte Auswahl aus der festfreien Zeit: IN Factus est, GR Iacta, AL Domine refugium, OF Benedicam Dominum, CO Dominus firmamentum. Alles wird stimmlich außerordentlich geschmeidig und mit einer für deutsche Scholen bemer-kenswerten Kultur der Liqueszensen dargeboten. Die Schola besteht aus ca. 7 Mönchen; anläßlich der Psalmverse zwischen Introitus- und Communioantiphonen, die schlüssig nach SG 381 ausgeführt werden, ist fast jeder Sänger einmal solistisch zu hören. Die Gruppe singt zwar in der neoromanischen Abteikirche, doch empfindet man die Akustik als nicht so hallig wie bei den Gottesdiensten, da man anstatt des Chorraums mit Erfolg eine Aufstellung im Westen vorzog. Das Booklet bietet neben dem lateinischen und deutschen Text aller Gesänge eine sehr genaue, und in aller Kürze doch allgemeinverständliche Einführung in die gregorianischen Formen sowie den liturgischen Ort der gewählten Gesänge.
Was die Qualität der Melodierestitutionen angeht, so fällt auf, wie sehr P. Gottfried mit seiner Aussage "Paläographie, Semiologie und Modologie müssen sich gegenseitig ergänzen" Ernst macht. Es findet sich so manche Stelle, die dem "reinen" Semiologen deswegen im Ohr bleibt, weil ein modologischer Zusammenhang bzw. eine darauf basierende Hypothese zu einer interessanten Entscheidung führte. Man lasse hierzu nur die CO Vidimus mit sibemolle über Oriente auf sich wirken. Für die Offertorialverse gilt, daß hier so viel gute Quellenarbeit geleistet wurde, daß man gleich die Lust verspürt, auch eine Revision des Offertoriale Triplex von Ott-Fischer möge doch in greifbare Nähe rücken! P. Gottfried als Solist singt so selbstverständlich weich und klar, daß imposante "montes...et colles" wie die Offertorialverse zum Reges Tharsis aus einer Schwerelosigkeit zu kommen vermögen.
Insgesamt: eine sehr hörenswerte Aufnahme, die keinen Wunsch offenläßt.

Bernhard Pfeiffer
Gregorianischer Choral - Internationale Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals (AISCGre) 22.04.2008