Hörbares Engagement


Die Musikgeschichtsschreibung kann in ihren Verdikten gnadenlos sein, auch wenn diese sich im Laufe der Zeit als noch so ungerecht erweisen. Wie gut, dass alles dem Wandel unterworfen ist! Urteilte noch Hugo Riemann anno 1899 über Georg Philipp Telemann, dass dessen Musik „auf Wiederbelebung keinen Anspruch habe“, so zählt jener heute zu den bedeutendsten Komponisten des 18. Jahrhunderts.

Noch willkürlicher – man ist fast geneigt zu sagen: boshafter – gingen die Historiker mit Telemanns Zeitgenossen Johann Mattheson um. Trotz seiner allseits anerkannten Bedeutung als Musiktheoretiker (etwa mit dem viel zitierten Vollkommenen Capellmeister von 1739) sind seine theoretischen Schriften bis heute längst nicht zur Gänze erschlossen. Um den Komponisten Mattheson ist es noch schlechter bestellt. Lange wurde diese wichtige Seite seines Schaffens unterschätzt, man stempelte ihn kurzerhand zum Kleinmeister ab. Solche (Vor-)urteile halten sich besonders hartnäckig, doch setzen sich in den letzten Jahren neue Generationen von Wissenschaftlern und Interpreten mit Mattheson, dem Komponisten auseinander.

War Gottsched so etwas wie der „Literaturpapst“ der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so gebührt Mattheson mit seinen zahlreichen Schriften diese Position auf dem Gebiet der Musik. Dabei war er ein äußerst vielseitiges Talent: Er betätigte sich als Komponist, Musik- und Sprachtheoretiker, Kritiker, Dichter, Sänger, Instrumentalist und sogar als Diplomat. Ein einfacher Zeitgenosse scheint er dabei nicht gewesen zu sein. Allzu gerne ließ er die Umwelt seine „stachelichte Feder“ (und im Falle Händels auch einmal seinen Degen) spüren.

2002/2003 nahmen zwei Ensembles – unabhängig voneinander und fast zur gleichen Zeit – einen der eindrucksvollsten Kammermusikzyklen Matthesons auf: Der brauchbare Virtuoso– 12 Kammersonaten für Traversflöte (oder Violine) und Clavier (d.h. Basso continuo).

Die vorliegende Aufnahme wurde bereits 2004 erstmals auf Classico Records veröffentlicht und erscheint nun in Lizenz bei NCA. Drei namhafte dänische Barockspezialisten haben sich dafür zusammengetan. Interessanterweise beziehen sich beide Aufnahmen im Booklet auf die bereits früher erschienene Einspielung von Jesper Christensen, der weltweit führenden Autorität auf dem Gebiet des Generalsbassspiels und maßgeblichen Initiator einer Mattheson-Renaissance.

Die zwölf Sonaten des Brauchbaren Virtuoso gehen in ihrer musikalischen Qualität und Vielfalt weit über zeitgenössische „Stangenware“ hinaus, jede Sonate ist individuell in Affektgehalt und Formgebung und der Zyklus verrät eine sorgfältig geplante architektonische Gesamtkonzeption. Das Trio Corelli setzt sich mit hörbarem Engagement für die so zu Unrecht vernachlässigte Musik des Hamburger Meisters ein. Besonders gut gefällt mir die Realisation des Continuo-Parts (mit Orgelpositiv und Theorbe). Der Theorbist Viggo Mangor setzt mit seinem fantasievollen Spiel hie und da interessante, klanglich aparte Akzente, während Ulrik Spang-Hanssens Orgelspiel vor allem durch äußerst durchdachte und schlüssige Artikulation überzeugt. Er zeichnet ebenso für den umfangreichen, erhellenden Einführungstext im Booklet verantwortlich. Etwas schwächer in der Bewertung schneidet hingegen die Geigerin Elisabeth Zeuthen Schneider ab. Sie ist zweifelsohne eine gute Geigerin (sie war u.a. Solistin und Konzertmeisterin mehrerer dänischer Sinfonieorchester) – aber eben eine „moderne“ Geigerin. Dafür, dass es nicht genügt, Instrument und Bogen zu wechseln, ist die vorliegende Einspielung der beste Beweis. Frau Zeuthen Schneider findet einfach nicht zum „rechten Ton“ des Instruments, oft klingen Passagen tonlich gepresst, teilweise streicht sie typische Wechselnotenfiguren hin und her, anstatt sie zu binden, sie beginnt Triller auf der Hauptnote usw. Schade eigentlich, hat doch diese Aufnahme durchaus ihre Meriten. Der Klang ist relativ direkt, jedoch von einer angenehmen, unaufdringlichen Räumlichkeit. (...)

Heinz Braun (19.11.2007)


Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität: 9
Gesamteindruck: 8
Klassik Heute 19.11.2007