60172 - ‘Ach, wenn wir nur auch clarinetti hätten...!’


Besser und vor allem schöner kann man Mozart kaum spielen. Dabei handelt es sich bei den drei Quartetten für Klarinette und Streichtrio vermutlich nicht einmal um Originalwerke. Es sind Bearbeitungen zweier Violinsonaten (KV 317d und 374f) und des Klaviertrios KV 496, die der Offenbacher Verleger Johann André 1799 in seinen Katalog aufnimmt.
Der Klarinettist der vorliegenden Aufnahme, Eric Hoeprich, vermutet in dem von ihm verfassten Begleittext des Booklets André selbst als Urheber der Arrangements; erschöpfend wird sich diese Frage kaum klären lassen.
Wie unschwer zu erraten ist, steht im Zentrum dieser Neufassungen die Klarinette, ein Instrument, das Mozart ganz besonders liebte und kompositorisch beschenkte. Wenn ein Musiker derart begnadet sein Instrument zu bedienen versteht, wie Hoeprich, lässt sich erahnen, was Mozart inspirierte. Wunderbar eingefasst von den exzellenten Streichern des Ensemble ‘Les Adieux’ kommt besonders deutlich zur Geltung, wie berührend der Klang der Klarinette in diesem intimen Rahmen der Kammermusik sein kann.

Alle vier Interpreten, neben Hoeprich die Geigerin Mary Utiger, Hajo Bäß (Viola) und Nicholas Selo (Violoncello), sind zu Recht prominente Vertreter der ‘Alte-Musik-Szene’, will sagen, sie spielen auf einem Instrumentarium, das sich im baulichen Zustand der Zeit des gespielten Repertoires befindet; die Streichinstrumente sind mit Darmsaiten bezogen, man verwendet die damals üblichen Bögen. Die Klarinetten dieser Zeit sind in der Regel aus Buchsbaum gefertigt und das Klappenwerk ist auf ein Minimum von fünf Klappen reduziert.
Die Aufnahme besticht durch eine lebendige Abmischung, die den Hörer sich inmitten des Ensembles wähnen lässt. Die souveräne Beherrschung der Partitur, die unangestrengte, ja gelassene Klangproduktion der Musiker, gepaart mit einer ausgesprochen lustvollen Spiellaune sind wahrlich ein Genuss. Klarinette und Violine harmonieren hervorragend miteinander, ein jeder kann sich im Zweifelsfall zurücknehmen, bei Bedarf aber auch ganz ohne Scheu zupacken und so entsteht ein transparentes und dynamisch weitgespanntes Klangbild. Technisch ungemein versiert, musiziert das Ensemble spürbar selbstsicher und unangestrengt. Edle Klangfarben und fein nuancierte Abstimmung untereinander, geadelt durch eine tadellose Intonation sind bestechende Merkmale dieser Platte.

Alle Virtuosität und Brillanz in den kraftvoll vorgetragenen Kopfsätzen und den spritzigen Finali verblasst angesichts der ergreifenden Sprache der langsamen Sätze. Natürlich ist Mozart daran nicht ganz unschuldig, welchen Zauber allerdings Eric Hoeprich originalen Violinmelodien entlockt, zumal im Quartett in B-Dur, mehr noch im darauffolgenden in Es-Dur, sucht seinesgleichen. Geschmackvoll vorgetragen, angemessen ausgeziert, frei von Kitsch – wundervoll! Der Text des Booklets ist Werkstattbericht und musikwissenschaftliche Einführung in einem. Dreisprachig, optisch ansprechend gestaltet, bietet es dem Leser mannigfache Informationen rund um die Aufnahme. Erschienen sind die drei Quartette beim Label ‘NCA’.
Kritik von Benjamin Reissenberger, 15.11.2007
Klassik.com 15.11.2007