Liszt Orgelwerke Vol. 1


Dies ist die erste Folge einer projektierten Gesamtaufnahme der Orgelwerke Franz Liszts, welche Martin Haselböck im letzten Jahr gestartet hat. Sie bringt Werke, die mit Merseburg konnotiert sind, und die Haselböck auch auf der Ladegast-Orgel des dortigen Doms spielt. 1853 hatte Friedrich Ladegast diese damals größte Orgel Deutschlands errichtet, und die Orgelweihe 1855, an der eben auch Franz Liszt mitwirkte, machte den jungen Orgelbaumeister 'mit einem Schlag' berühmt, wie Haselböck im aufwendigen und hochinformativen Beiheft berichtet.

Liszt war von der damals sensationellen Merseburger Orgel sehr angetan, und er dürfte sich mit dem spezifischen Klangbild identifiziert haben. Von ihm und von anderen Zeitgenossen wurden 'Kraft und Fülle' gelobt, besonders aber der 'Wohllaut', der 'Schmelz' in den 'sanfteren Stimmen'. Diese romantische Sanftheit könnte auf heutige Ohren jedoch möglicherweise auch als Gedämpftheit wirken; selbst voll registrierte Passagen klingen tendenziell eher indirekt, ja sogar etwas dumpf, wobei zugegebenermaßen schwer zu unterscheiden ist, wie viele und welche Momente dieses Eindrucks der Klangfotographie der Techniker anzulasten sind. Der wiedergegebene Raum geht zwar weit in die Tiefe und manche Episoden etwa der Meyerbeer-Fantasie kommen tatsächlich sehr magisch aus der Ferne, doch ist das Klangbild nicht so präsent, daß die Orgel auch tatsächlich einmal nah an die Hör-Position heranrücken könnte. Dieser Mangel an Präsenz wirkt sich auch als Mangel an Brillanz aus.

Martin Haselböck glücken auf dieser ersten Lieferung der Gesamtaufnahme die beiden operatischen Werke, die erwähnte Fantasie und Fuge über den Choral 'Ad nos, ad salutarem undam' aus Meyerbeers Der Prophet, sowie das Liszt'sche Orgelarrangement von Otto Nicolais Kirchlicher Fest-Ouvertüre über den Choral Ein feste Burg ist unser Gott am besten. Ohne Scheu vor dem dramatischen, ja, auch recht vordergründigen Effekt führt er besonders die fast halbstündige Meyerbeer-Fantasie vor als plastische, wortlose Erzählung ohne Worte, geradezu als Soundtrack zu einem imaginären Film avant la lettre. Einen großen Bogen zu schlagen ist angesichts der Heterogeneität dieses heute etwas kurios anmutenden weltlichen Orgeldramas wahrscheinlich kaum oder nur sehr schwer möglich. Etwas schwerer wiegt hingegen, daß Haselböck auch in den kürzeren, meditativen Stücken zur Statik neigt; am deutlichsten und nachvollziehbarsten arbeitet er in der Einleitung zur Legende der heiligen Elisabeth auf eine Steigerung hin. Dennoch besticht diese Produktion durch ihre Sorgfalt, und sei besonders denen empfohlen, die erfahren wollen, welch' heterogene und damit aufregende Züge Liszts Oeuvre aufweist.

Link zur Rezension: Klassik-heute.com
Klassik heute Wochentipp 10.05.2006