60166 - Die Zeiten haben sich geändert


Die Bearbeitungen für Kammerensemble, die Arnold Schönberg und sein Kreis für ihren 1919 in Wien ins Leben gerufenen „Verein für musikalische Privataufführungen“ anfertigten, entstanden aus Not: Man wollte neben eigenen auch interessante Orchesterwerke anderer Komponisten (darunter auch Gustav Mahler) durch Aufführungen kennen lernen, konnte sich aber die erforderliche große Besetzung nicht leisten. Dabei entstanden gelegentlich Fassungen, die die Substanz des betreffenden Werkes durch die „Entorchestrierung“ klarer hervortreten oder das Ganze in einem neuen, aparteren Gewand erscheinen lassen.
Die Zeiten haben sich geändert – ein riesiges Repertoire von Musik ist heute nahezu jederzeit und überall verfügbar, die Tonträgerproduzenten sind bestrebt, die letzten weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte zu eliminieren. Andererseits besteht gerade bei Gustav Mahlers Liedern mit ihrer ebenso sparsamen wie präzisen Instrumentation eigentlich kaum eine zwingende Notwendigkeit zur Bearbeitung. Dass der Komponist und Dirigent Gerhard Müller-Hornbach trotzdem der Verlockung nicht widerstehen konnte, die Kindertotenlieder und die fünf Rückertlieder für sein famoses Mutare-Ensemble zu adaptieren, ist verständlich. Glücklicherweise belässt er (anders als Schönberg bei seinem Arrangement der Lieder eines fahrenden Gesellen) den Hauptstimmen weitgehend ihre von Mahler vorgesehene Instrumentalfarbe. Die bemerkenswertesten Veränderungen ergeben sich einerseits durch den Einsatz des Klaviers an Stelle der Harfe, andererseits durch die solistische Streicherbesetzung, was das Klangbild etwas härter und trockener macht. Für die Füllstimmen findet wie bei Schönberg das seinerzeit weit verbreitete, heute praktisch ganz aus dem Gebrauch gekommene Harmonium Verwendung – vermutlich weniger aus musikalischen als aus Gründen der Nostalgie.
So ist es in erster Linie die Wiedergabe, die höchstes Interesse beansprucht. Der schlank geführte Bariton von Klaus Mertens erscheint von Charakter und Timbre her prädestiniert für diese Lieder, und in Verbindung mit einer vorbildlichen Textdeklamation kommt seine Darstellung einer Idealinterpretation sehr nahe, wäre da nicht die gelegentliche Neigung, auf langen Noten nachzudrücken – möglicherweise eine Folge der Zusammenarbeit mit sogenannten „Spezialisten für Alte Musik“. Wenn man bei aller Sorgfalt und Intelligenz der Wiedergabe ein wenig die gefühlsmäßige Anteilnahme vermisst, mag das an den etwas strikt durchgehaltenen, gelegentlich als schleppend empfundenen Tempi liegen – und daran, dass für große Stimmentfaltung die orchestrale Stütze fehlt. Hier geht es nicht um emotionale Schwelgerei, sondern um die Offenlegung von Strukturen: Mahler auf dem Seziertisch. Beglückend die Soli der exzellenten Bläser, perfekt das Zusammenspiel des Mutare-Ensembles. Auch klangtechnisch ist die in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk entstandene Aufnahme hervorragend. Lediglich das nicht herausnehmbare Booklet stört.
Sixtus König (27.09.2007)
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10


Klassik Heute 27.09.2007