Barocker Sonatenschatz


Johann Mattheson (1681-1764), vielen lediglich als bedeutender barocker Musikschriftsteller und -theoretiker bekannt, stand mit seinem Komponieren allzu lange im Schatten seines Zeitgenossen Johann Sebastian Bach. CD-Veröffentlichungen wie seine kürzlich erschienenen Suiten für Cembalo (Ramée, 2007) zeigen allerdings, wie ungerecht diese historische Schieflage ist. Wer sich selbst davon überzeugen möchte und zudem ein Freund barocker Kammermusik ist, sollte einmal in dem Sonatenzyklus ‚Der brauchbare Virtuoso’ hineinhören, der nun – nach einer farbenreichen Ersteinspielung mit Diana Baroni (Flöte), Pablo Valetti (Violine), Petr Skalka (Violoncello) und Dirk Börner (Cembalo) (Alpha, 2002) – bei NCA bereits seine zweite Aufnahme auf Doppel-CD erlebt hat. Verantwortlich hierfür zeichnet das Trio Corelli mit Elisabeth Zeuthen Schneider (Violine), Viggo Mangor (Erzlaute) und Ulrik Spang-Hanssen (Orgel).
Die Unterschiede in der Besetzung sagen viel über die Divergenzen der beiden Interpretationen aus, denn das Trio Corelli entscheidet sich für eine reine Violinversion der Sonaten, die alternativ auch für Flöte gedacht sind, was – im Gegensatz zur früheren Einspielung – zwar mit einer gewissen Monochromie verbunden ist, die Abfolge der zwölf Kompositionen dafür aber umso mehr wie aus einem Guss erscheinen lässt. Dies hängt damit zusammen, dass sich Mattheson sich als Meister der Architektonik erweist, der die Tonartenverhältnisse und Satzcharaktere der Einzelwerke sorgfältig gegeneinander ausbalanciert und dem Zyklus dadurch eine dramatische Struktur einschreibt, deren Spannung mit zunehmender Anzahl von Moll-Sonaten im zweiten Teil immer weiter ansteigt. Diesen faszinierenden Aufbau nachvollziehbar zu machen, ist der große Vorteil, den die vorliegende Einspielung gegenüber der früheren Aufnahme genießt.
Ein gewisses Problem erwächst jedoch aus der Entscheidung, die Continuogruppe mit Orgel und Erzlaute zu besetzen, wobei die Orgel generell die Funktion der Akkordstütze übernimmt und die Laute meist nur den Bass verstärkt, eher selten zur Belebung der Harmonik eingesetzt wird und nur in einzelnen Sätzen auch vollständig die Orgel ersetzt. Solche intimen Dialoge mit der Violine sind die einzigen Momente, in denen klangliche Abwechslung herrscht. Ansonsten stellt der Klang des Orgelpositivs häufig eher eine Gefahr für die Balance des Ensembles dar, da er die Laute zu sehr verdeckt und auch dynamisch ohne rechte Abwechslung bleibt. Umso mehr liegt die Last der Differenzierung auf den Schultern der Geigerin, die mit sehr subtil angewandten dynamischen Abstufungen, vor allem aber mit stilsicheren Verzierungen in italienisierender Manier die musikalischen Entwicklungen unterstreicht. Ein wenig unschön erscheint mir neben der nicht immer ganz sicheren Intonation jedoch ihre unruhige Tongebung, die zu sehr auf Vibrato und weniger auf eine Gestaltung durch Nuancierung der Bogenführung setzt.
Trotz dieser Einwände hat die Einspielung sehr viele musikalische Höhepunkte und wirkt gerade aufgrund der einheitlichen Besetzung in ihrer Darstellung des gesamten Sonatenzyklus’ in höchstem Maße geschlossen und zwingend. Wer sich für barocke Violinmusik interessiert, kann hier eigentlich keinen Fehlgriff tun und ist allemal besser bedient als mit einer Aufnahme, in der Violine und Flöte abwechselnd als Melodieinstrumente eingesetzt werden. Sehr gut ist außerdem auch der ausführliche Text des Booklets, der nicht nur detailreich über den Musiker Mattheson informiert, sondern auch die Grundzüge der Interpretation sowie die Wahl der Instrumentation erläutert.
Klassik.com 04.09.2007