60171 - etwas Exotisches


Einer puren Schlagzeug-CD haftet im Gegensatz etwa zu einer Klavier- oder einer Violin-CD noch immer etwas Exotisches an – was nicht ganz falsch ist, da sich die europäische Kultur in Sachen Klang/Geräusch oder Rhythmus noch in einem sehr entwicklungsbedürftigen Zustand befindet. Als Schlagzeuger wie als Komponist öffnet Markus Hauke (geb.1962) hier ästhetische Türen und erlaubt dem zu Recht neugierigen Zuhörer einen verwegenen Blick auf höchst eigenwillige perkussive Welten. Dabei ist Haukes Blick auf die abendländische Kultur auf originelle Weise erhellend, wenn er in Richard; ausatmen… den Klang- und Harmonik-Magier Wagner zitiert und ausgerechnet zwei Schlagzeugstellen aus Rheingold und aus der Walküre in einen Verfremdungs- und Verwandlungsprozess führt, in dem die klanglichen und rhythmischen Nuancen nicht weniger diffizil sind als eine Wagnersche Harmoniefolge.

In den Thirteen Drums von Maki Ishii (1936–2003) schließlich ist Hauke nicht nur souveräner und engagierter Interpret, sondern auch der Instrumentenbauer dreizehn außergewöhnlicher röhrenförmiger Trommeln von bis über zwei Metern Länge. Der Drive, die nicht abzusprechende Poesie und die hier schwer zu beschreibende Klanglichkeit von Ishiis Werk bestätigt erneut die Originalität und Intensität dieses noch immer unterschätzten Japaners. Cages nach zweifellos witziger I-Ging-Anleitung gebastelte Composed Improvisation for Snare Drum Alone kann hier nicht mithalten, auch wenn Haukes so farbenreiche wie stoische Darbietung keinerlei Kritik verdient. Umso hinreißender prägt sich hier Haukes pointierte wie rituell faszinierende Interpretation von Psappha ein, fast schon ein Schlagzeug-Klassiker des großen griechisch-französischen Musik-Architekten Xenakis. Die Klarheit, Stringenz und Energie von Psappha beruht allerdings auch auf einem souveränen Umgang mit musikalischen Superzeichen – woran es bei dem fast halbstündigen Werk des Amerikaners Bryan Wolf mangelt. Die in der Auswahl der Instrumente und ihrer strukturellen Bezogenheit äußerst komplexe Partitur Wolfs mit dem langen Titel bleibt zumindest beim ersten Hören allzu spannungsarm, wobei der eben nicht nur virtuose, sondern wirklich klang-abenteuerliche Einsatz von Markus Hauke durchweg fasziniert, gewiss auch jenseits vielleicht noch nicht wirklich erkannter musikalischer Substanz.

Hans-Christian v. Dadelsen (03.05.2007)


Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 9

Klassik Heute 03.05.2007