Max Reger - Lieder


Als „Klavierstücke mit Liedbegleitung“ wurden die Gesänge Max Regers schon zu seinen Lebzeiten kritisiert. Und vielleicht ist darin ein Grund zu suchen, dass sie in den Programmen bedeutender Liedinterpreten nur eine marginale Rolle spielen. Der Sänger muß sich häufig gegen den dominanten Klavierpart zur Wehr setzen. Der Pianist wiederum muß mehr sein als ein Begleiter, vielmehr ein mit allen technischen Wassern gewaschener Solist.

An die dreihundert Lieder hat Reger komponiert, die ersten noch während seiner Studienzeit, die letzten (die Kinderlieder op. 142) ein Jahr vor seinem Tode. Stand er in seinen Anfängen noch unter dem Einfluß des Melodieliedes von Johannes Brahms, orientierte er sich später an den Deklamationsliedern Hugo Wolfs. Epigonentum war ihm dabei fremd, aber einen einheitlichen Stil wird man bei ihm vergebens suchen. Selbst innerhalb der einzelnen Zyklen changieren Genres und Stimmungen ständig. Naturbetrachtungen und Liebesergüsse stehen schroff und unvermittelt neben Anfällen von Weltschmerz und Weltekel und grotesk-komischen Miniaturen. Einheit stiftet da allein die für Reger typische Harmonik in ihrem unablässigen Wechsel, der gerade bei einfacheren Texten oft etwas übertrieben anmutet.

A propos Texte: In der Wahl seiner Autoren war der Komponist nicht sehr skrupelhaft. Neben Hölderlin und Heine finden wir da viel drittklassige Gebrauchslyrik, die mit erheblichem musikalischem Aufwand auf das Niveau hoher Kunst „gehievt“ wird. Reger selbst fand in Texten, wie sie ihm die Zeitgenossen Dehmel, Boelitz oder Bierbaum schrieben, „Ausblicke in bisher fast unentdeckte seelische Zustände und Konflikte“. Man befindet sich im Zeitalter der Psychoanalyse. Und nicht zuletzt vor diesem Hintergrund könnte die Auseinandersetzung mit Regers Liedschaffen auch heute von Interesse sein.

Markus Schäfer und sein Klavierpartner Ernst Breidenbach führen es exemplarisch vor, dass sich die Mühe lohnt. Schäfer gewinnt seinem lyrischen Tenor viele Charakterfarben und Ausdrucksnuancen ab, „beißt“ sich förmlich in Text und Musik hinein. Da muß sich Breidenbach am Klavier überhaupt nicht zurücknehmen, sondern darf mit Gusto und Brillianz in die Tasten greifen, die hier oft ein spätromantisches Orchester ersetzen.

Ein ausgezeichnetes Booklet tut ein übriges, um diese Edition (die einige erstmals auf CD veröffentlichte Titel enthält) dem neugierigen Musikfreund ans Herz zu legen.
Klassik Heute 20.07.2007