Der moderne Klang Portugals


Der moderne Klang Portugals
Kritik von Alexander Rapp, 09.07.2007
Klang der Welt: Portugal
Label: NCA - New Classical Adventure , VÖ: 06.11.2006

Seit 1998 veranstaltet das Orchester der Deutschen Oper Berlin die Kammermusikreihe ‘Klang der Welt’. Seither wurde in jeder Spielzeit die musikalische Tradition eines Landes oder einer Region vorgestellt. Die Spielzeit 2004/2005 war der Musik Portugals gewidmet. Fünf Komponisten der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart sind mit jeweils einem Werk vertreten.
Den Anfang macht der 1940 geborene António Victorino d’Almeida. Sein Septett für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Klavier und Xylophon ist ein äußerst bewegtes Stück, wie schon die Besetzung erahnen lässt. Alle drei Sätze stehen in schnellen Tempi. Der erste ist sehr perkussiv und gedrängt, im zweiten mischen sich düstere Zwischentöne ein. In d’Almeidas Werk vermischen sich die Bildkraft Prokofjews und Bartoksche Rhythmik mit orientalischen Einflüssen.
Mit einer Komposition Filipe de Sousas rückt das Programm näher an die Tonalität. Das dreisätzige Bläserquintett aus dem Jahre 1957 besticht durch seine repetitiven Strukturen und seine rhythmische Leichtigkeit. Die Quintettsolisten der Deutschen Oper Berlin harmonieren in beiden Besetzungen.
Technisch stets perfekt und mit frischen Tempi, musizieren sie diese mitreißenden Stücke. Dabei beweist jeder der beteiligten Musiker seine Qualitäten als Solist in wohldosierter Menge, ohne das Gesamtbild der Werke aus den Augen zu verlieren.
Fünf kurze Stücke für Klavier hat Jorge Peixinho im Jahre 1959 komponiert. In ihnen ist die Nähe der Komponisten dieser Zeit spürbar und die enge Bekanntschaft mit Luigi Nono, Pierre Boulez und den Darmstädtern um Karlheinz Stockhausen Die atonalen Stücke sind minimalistische Aphorismen, deren Sprachgewalt der Pianist Andreas Göbel mit Verständnis und hoher Präzision dem Klavier zu entlocken versteht.
Einen starken Gegensatz zur Beschwingtheit und Leichtigkeit der kammermusikalischen Werke von d’Almeida und de Sousa bildet das zweite Streichquartett von Joly Braga Santos (1924-1988). Das 1956 komponierte Stück besteht aus drei Sätzen, die jeweils langsam beginnen und in einem zweiten schnelleren Teil enden. Die vorherrschende Stimmung ist eine intime Kontemplation, getragen von langen, ruhigen Melodien. Als letztes Werk findet sich auf der Aufnahme das Streichquartett Nr. 2 in GDur von José Vianna de Motta. Im Werk des von Liszt und Wagner beeinflussten Endromantikers zeigt sich eine starke Bindung an traditionelle Musik. Formal klassisch bezieht das Quartett seinen Reiz aus der Verbindung spätromantischer Melodik und traditioneller Tanzrhythmen. Das Eosander-Quartett interpretiert diese Stücke einfühlsam und mit portugiesischer Wärme. Leider verlieren langsame Passagen manchmal einen Teil ihrer potentiellen Spannung. Dafür ist das Ensemble klanglich sehr präsent und homogen, was vor allem in Abschnitten schnell wechselnder Dynamik besticht.
Ein verbindendes Merkmal aller Stücke sind die Bezüge zu traditioneller Musik, die, wenn auch in teilweise stark sublimierter Form, immer wieder erscheinen. Die Auswahl der Werke öffnet einen weiten Blick auf das musikalische Schaffen im Portugal der jüngeren Vergangenheit. Eine echte Entdeckung, die in verständigen Interpretationen Lust macht, sich mit der neueren Musik dieses Landes weiter auseinanderzusetzen.
Klassik.com 09.07.2007