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KLAUS MERTENS - HAMBURGER RATSMUSIK

Bernhard - Herwich - Dresden 1652

Artikel-Nr.
EAN:
60147
4019272601477
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Christoph Bernhard ist heutzutage als Schütz-Schüler und Musiktheoretiker ein Begriff - von seinen erhaltenen Kompositionen werden vor allem die Geistlichen Harmonien (Dresden 1665) musiziert. Doch wer war Christian Herwich? Vergrabene Werke - teils unbekannter Komponisten - ans Licht zu holen, hat sich das Ensemble Hamburger Ratsmusik zur Aufgabe gemacht. Seine Recherchen führten zurück zur Vorgeschichte der Hochzeitsfestlichkeiten für Prinzessin Magdalena Sibylla und Herzog Friedrich von Sachsen-Altenburg im Jahre 1652 in Dresden.

Dort müssen sich der Hofmusiker Bernhard, der drei Jahre später zum Vizekapellmeister ernannt werden sollte, und der Weimarer Gambist und Lautenist Herwich begegnet sein (zuvor Mitglied der Kasseler Hofkapelle und nun für die Feierlichkeiten engagiert). Wegen eines Trauerfalls wurden jedoch alle Aufführungen am Hof abgesagt und die Musiker vermutlich ohne Lohn nach Hause geschickt. Einen weiteren Verbindungsfaden zwischen Bernhard und Herwich sieht die Hamburger Ratsmusik geknüpft durch "das jüngst wieder entdeckte so genannte Partiturbuch Johann Ludwig oder Gothaer Partiturenbuch, Cod.Guelf.34.7 Mss, der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel", eine Sammelhandschrift, welche neben Werken Herwichs "auch die einzigen erhaltenen Instrumentalkompositionen Christoph Bernhards [enthält], die bis heute sämtlich als verloren galten" (Booklet von Simone Eckert, S. 17).

Über Christian Herwich schweigen sich die meisten Lexika und Enzyklopädien aus. Immerhin verzeichnet das Biographisch-Bibliographische Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts (Bd. 5, Leipzig 1901) von Robert Eitner folgenden Eintrag: "Die Landesbibl. in Kassel besitzt von ihm fol. 61 fünfstim. Pavanen und 4st. Gagliarden im Ms." (S. 131). In der "alten" Musik in Geschichte und Gegenwart gibt es zwei knappe Einträge zu Herwich - einmal im Artikel "Duett" die Erwähnung des Sammeldruckes 'T Uitnement Kabinet (1646), in dem "vom Kasseler Hofmusiker Christian Herwig [sic!] [...] ein Concerto met 2 überliefert" sei (Bd. 3, Kassel 1954, Sp. 884), und zweitens im Artikel "Kassel" die Bemerkung, daß "nach dem Regierungsantritt Wilhelms VI. (1649-1663) [...] die Hofmusik einen neuen Aufschwung [nahm] mit bedeutsamen Kräften wie D. Pohle, G. Diessener, Christian Herwich, deren Instr.-Kompos. als früheste deutsche Zeugnisse vom Einfluß frz. Instr.-Musik künden. Herwich und Diessener kehrten von Paris mit kostbarem Notenmaterial und vielfältigen Anregungen zurück." (Bd. 7, Kassel 1958, Sp. 723).

Im Gegensatz zum relativ geradlinigen Berufsleben Bernhards verlief dasjenige Herwichs turbulenter und unsicherer. Offenbar wichtigste Stationen sind eine Persien-Reise, die Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein initiiert hatte, und nur kurzzeitige Anstellungen an den Hofkapellen Weimar und Kassel (wegen Ablebens des Herzogs und des Landgrafen), bevor der Musiker selbst im September 1663 ertrunken in der Fulda aufgefunden wurde (Booklet, S. 15 ff.). Für näher interessierte Leser gibt die Hamburger Ratsmusik neben dem Einführungstext, der die zeitgeschichtlichen Umstände der beiden Komponisten erhellt, wichtige Literaturhinweise (S. 19).

Auf der vorliegenden CD sind von Herwich Instrumentalwerke unterschiedlicher Besetzung versammelt: Sonaten oder Suitensätze, eine Aria und ein ostinates Stück für Laute, Viola da gamba oder Cembalo solo, für Viola da gamba mit Generalbaß oder für ein bis zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo. Vermutlich von Bernhard, laut The New Grove I (Vol. 2, 1980, S. 624) und II (Vol. 3, 2001, S. 438) übrigens am 1. Januar 1628 geboren (nicht im Jahre 1627), sind es 15 Arien, davon eine lateinisch textierte, und drei Gambensuiten. Die im New Grove nicht genannten, für Hausandachten bestimmten Gesänge stammen aus dem Anhang des im Jahre 1694 neu aufgelegten Dresdner Geistreichen Gesang-Buches (1676), dessen Widmung Bernhard unterzeichnete. Mindestens redigierte er es (s. MGG2-Artikel "Dresden", Sachteil Bd. 2, Sp. 1533), der später von Mattheson als "vortrefflicher und gelehrter Kunst-Fürst" gelobt wurde (Grundlage einer Ehren-Pforte, Hamburg 1740, S. 17). Die ebenfalls Dresdner Neuauflage (Geist- und Lehr-reiches Kirchen- und Hauß-Buch [...] mit Noten und untergelegtem Bass) enthält einen Anhang Hundert ahnmutig- und sonderbahr geistlicher ARIEN. Sicherlich davon eine Auswahl präsentieren nun Klaus Mertens und die Hamburger Ratsmusik. Ob die Lieder tatsächlich von Bernhard sind, kann allerdings nicht definitiv beantwortet werden (vgl. auch Booklet, S. 18). So abwechslungsreich die Werkauswahl ist, so bemüht sich auch das Ensemble um Varianten der Continuo-Besetzung mit Gambe, Theorbe, Cembalo und Orgel in unterschiedlichen Kombinationen - Theorbe und Orgel dominieren dabei.

Von fünf der eingespielten Arien ist der Diskant mit ausnahmsweise minimalen Abweichungen bezüglich einzelner Wörter oder Pausen bei Johannes Zahn verzeichnet (Die Melodien der deutschen evangelischen Kirchenlieder, Bd. 1-6, Gütersloh 1889-1893, Repr. Hildesheim 1963): Nr. 905 ("Der Tag ist hin"), 2435 ("Allein nach dir"), 2542 ("Gott ist mein Schild"), 3236 ("Süßer Christ") und 4029 ("Leb ich oder leb ich nicht").

Es erstaunt nicht, daß Zahn die Melodie zu "Gott ist mein Schild" (Track 23) mit Asteriskus gekennzeichnet und damit als für die kirchliche Verwendung bedeutend erachtet hat (vgl. Bd. 6, Vorbemerkung). Relativ kunstvoll gearbeitet ist dieses Lied durch zweimalige Wiederholung mit Aufforde-rungscharakter des Wortes "weicht", das synkopisch über dem die Zählzeiten markierenden Basso continuo nachschlägt. Auch aus einem Melisma über der ersten Silbe des abschließenden Wortes "Freunde" bezieht es seinen besonderen Charakter. Auffällig ist, daß die Melodie der ersten Choralzeile - und nur diese - mit derjenigen von Johann Sebastian Bachs "Ich steh an deiner Krippen hier" (BWV 469) aus Schemellis Musicalischem Gesangbuch (Leipzig 1736) nahezu übereinstimmt. Allein das punktierte Viertel plus Achtel über den ersten beiden Silben von "Helfersmann" ist durch die auszierende obere Wechselnote zusätzlich in Achtel zerlegt. Kann Bach das Dresdner Gesangbuch nebst Anhang von 1694 gekannt haben? Frieder Rempp schreibt dazu im kritischen Bericht der neuen Gesamtausgabe: "Melodie anonym 1736 (Zahn 4663: J. S. Bach zugeschrieben)" (Serie III, Bd. 2.1, S. 117). Daß sie zu den 21 Melodien gehört, die "theoretisch von Johann Sebastian Bach stammen" könnten, erwähnt er zuvor (S. 111). Bezeichnend ist dieselbe Tonart in beiden Fällen (c-moll). Beantworten läßt sich die Frage, ob die Übereinstimmung der ersten Choralzeile nun Zufall war oder nicht, nur schwer. Generell sind Gesangbuchlieder eher einfach gehalten, weshalb Ähnlichkeiten untereinander an sich nicht verwunderlich sind. Man sollte sich also besser davor hüten, in diese zuviel hineinzuinterpretieren. Übrigens musizieren Mertens und die Hamburger Ratsmusik dieses Stück in a-moll. Von den anderen vier Arien erklingen drei auch einen Ganzton oder eine kleine Terz tiefer. Nur "Der Tag ist hin" bleibt original in d-moll, weil der Spitzenton c' ohnehin für einen Bariton nicht so hoch liegt.

Mertens singt gewohnt ausgewogen und in allen Lagen schön - für diejenigen, die natürlichen Gesang bevorzugen, beinahe zu schön und kunstvoll, auch wenn der allgemeine Ausdruck angemessen schlicht bleibt. Mit seiner samtweichen Stimme interpretiert er behutsam - der Text ist gut verständlich. (Dennoch wäre ein Abdruck der Texte im Booklet wünschenswert gewesen.) "Leb ich oder leb ich nicht" (Track 12) bietet er wohlgeformt und herzallerliebst, einfühlsam begleitet von Ulrich Wedemeier (Theorbe); erst in der dritten Strophe verstärkt Simone Eckert mit der Gambe die instrumentale Baßstimme. Das insgesamt sehr gut aufeinander eingespielte Ensemble variiert bei "Allein nach dir" (Track 25), indem es jeweils in den ersten beiden Versen den wiederholten Teil rein instrumental bestreitet, bevor dieser beim letzten Mal auch vokal aufgegriffen wird. Beim schwingend und schwebend musizierten "Rex Jesu admirabilis" (Track 10) alternieren Diskantgambe und Vokalstimme. Insgesamt strahlen die meist ruhig interpretierten Arien eine Gelassenheit aus, welche die gewiß intendierte Aussage von Trost und Zuversicht verstärkt. Michael Fuerst musiziert lebendig das einzige kurze Stück für Cembalo solo dieser CD: "Derde" von Herwich (Track 22). Ein Hinweis auf die Bedeutung der Bezeichnung ist dort nicht vorhanden. Da es geradtaktig ist, scheint das niederländische Wort "derde", zu übersetzen als dritte(r/s), bloß auf eine Zählung innerhalb einer Sammlung hinzudeuten.

Simone Eckert zeichnet sich mit ihrem durchsichtigen, präzisen Gambenspiel - solo in zwei Suitensätzen Herwichs - durch virtuose Wendigkeit aus. Da sie auch um metrisch freiere Passagen keinerlei Aufhebens macht, leicht bleibt und insgesamt differenziert, wirkt die Musik sehr kurzweilig. In Bernhards drei Suiten in d-moll (Tracks 6-8) dialogisiert die Gambe mit einer Violine. Dagegen ist Herwichs "Ruggiero" (Track 11) über einem ostinaten Baßmodell kontemplativer gehalten. Gemeinsam mit zwei Violinen (Annegret Siedel und Renate Gentz) und Continuo konzertiert eine obligate Baßgambe in einer Sonata (Track 3) und einer Aria (Track 26) desselben Komponisten. In der Sonata werden Soggetti über lange Strecken durchgeführt und sequenzierte Echostellen reich schattiert, wobei auch die Violinen von zartem bis zu energischem Bogenstrich hin eine breite Ausdruckspalette vorstellen. Leider ist der Klanggenuß stellenweise durch leichte Intonationsunsicherheiten getrübt. Aber den Streichern ist ein "sprechendes" Spiel eigen, und man merkt, wie das ganze Ensemble musikalisch gemeinsam empfindet. Klaus Mertens und die Hamburger Ratsmusik präsentieren mit "Dresden 1652" ein Kleinod an verschiedenen abwechslungsreich ausgewählten und liebevoll musizierten Stücken nicht nur speziell musikgeschichtlich Interessierten, sondern auch allgemein für besinnliche Abendstunden.
Almut Jedicke (Die Tonkunst online 01.02.2006)

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Hörproben / Audio samples:









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Booklet:










 
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