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GEWANDHAUS-QUARTETT

Ludwig van Beethoven - Die Streichquartette A-Dur op. 18 Nr. 5 / B-Dur op. 18 Nr. 6

Artikel-Nr.
EAN:
60136
4019272601361
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In der endgültigen Nummerierung das fünfte Stück des Opus 18, ist das Streichquartett A-Dur in Wirklichkeit an vierter Stelle entstanden. Die Tatsache, dass Beethoven die sechs Quartette für die Drucklegung überarbeitete und neu ordnete, kann als Beweis dafür gelten, mit welcher Sorgfalt er seine ersten Kompositionen in der schwierigsten aller Gattungen prüfte, bevor er sie der Öffentlichkeit übergab.

Auf das ernste vierte Quartett in der für ihn von Anfang an bedeutsamen Tonart c-Moll ließ er das freundlichste Stück der Sammlung folgen, das in der lichten Tonart A-Dur steht. Das Streichquartett A-Dur zeigt deutliche Spuren von Beethovens Auseinandersetzung mit Mozarts Streichquartett KV 464. Schon an der formalen Anlage bis hin zu den teilweise übereinstimmenden Satzbezeichnungen ist das zu erkennen. Auffallend ist die Dominanz der 1. Violine. Sie führt im ersten Satz das Hauptthema an und beherrscht über weite Strecken die Szene mit ihrem figurenreichen virtuos-konzertanten Spiel, während die anderen drei Instrumente sich auf begleitende Kommentare beschränken.

Was sie zu sagen haben, ist indessen ebenfalls bedeutsam und wird in der Durchführung mit entsprechender Gründlichkeit "diskutiert". Das Seitenthema setzt dagegen im Einklang aller vier Instrumente ein und hebt sich dadurch und durch den Mollcharakter deutlich vom Hauptthema ab; auch im weiteren Verlauf beteiligen sich alle vier Partner daran. In der Durchführung spielt es indessen nur eine geringe Rolle; bereits in der Schlussgruppe der Exposition hat auch die erste Violine wieder die Führung übernommen.

An zweiter Stelle steht (wie auch in Mozarts Quartett KV 464) ein Menuett. Wiederum führt zunächst die Violine, gibt die liebliche, strophisch gebaute Melodie aber dann an die Viola weiter. In diesem Satz ist ebenfalls das Spiel der Begleitstimmen von Interesse und Bedeutung. Obwohl sie nur "nachgezogen" werden, entsteht im Klangergebnis der Eindruck eines Kanons, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist.

Im Trioteil liegt die Melodie zunächst in den beiden Mittelstimmen, während nun die erste Violine (in Doppelgriffen) und das Violoncello begleiten. Dann werden die Plätze gewechselt, immer aber führt ein Stimmenpaar.

Berühmt wurde dieses Quartett vor allem durch seinen dritten Satz, ein Andante, auf dessen ergreifend schlichtes Liedthema fünf Variationen folgen. Der Eindruck einer vollkommenen Harmonie, der schon im ebenmäßigen Bau und in der wahrhaft edlen Melodieführung begründet ist, wird durch die paarweise Stimmführung in Sext- bzw. Terzintervallen noch vertieft. Gleichsam von selbst prägt sich dieses Thema ein, und deshalb bereitet das Verfolgen der charaktervollen Variationen wie auch des sublimen Zusammenspiels unendliches Vergnügen. Selbst im ruhigen Abgesang wird das Thema noch einmal in neues Licht getaucht. In diesem Satz ist das Vorbild Mozarts am deutlichsten. Form, Metrum, Tonart und Tempo stimmen überein, nur dass es bei Mozart statt fünf sechs Variationen gibt.

Im Finale schließt sich der Kreis. Es knüpft nicht nur an die freudige Stimmung des ersten Satzes an, sondern auch an dessen Hauptthema. Jetzt aber sind alle vier Partner daran beteiligt. Auch hier bildet das Seitenthema einen starken Kontrast. Es hat einen beinahe sprechenden Ausdruck und beteiligt sich ebenfalls kaum an den Auseinandersetzungen der Durchführung, in der kunstvolle kontrapunktische Arbeit keineswegs in Widerspruch gerät zur überlegenen Heiterkeit. Dieser Satz hat den weiten Atem eines Sinfonie-Finales.

Das Streichquartett B-Dur, in der Druckausgabe das letzte Stück des Opus 18, ist wahrscheinlich auch zuletzt entstanden. Jedenfalls eignet diesem Quartett in der Präsenz und im ausgewogenen Zusammenspiel der vier Partner ein Ensemblegeist, der ihm Finalcharakter verleiht. Bestätigung erfährt dieser Eindruck durch die gelöste Stimmung der Ecksätze, die allerdings im letzten Satz nicht ungebrochen ist.

Vollkommen heiter, ja übermütig aber ist der erste Satz. Die erste Violine stimmt das Hauptthema an, das aus zwei Motiven besteht, einem Doppelschlag und einem zerlegten Dreiklang. Es wird um eine Oktave nach oben versetzt wiederholt und dann vom Violoncello beantwortet. Die beiden Motive beherrschen, einzeln oder in unterschiedlicher Weise kombiniert, den ganzen Satz, springen von Instrument zu Instrument, werden von einem kontrastierenden Seitenthema verdrängt und tauchen plötzlich wieder auf. Keinen Augenblick wird der Frohsinn getrübt, so intensiv das "Gespräch" sich stellenweise auch gestaltet.

Mit dem zweiten Satz wechselt die Stimmung ins Schwärmerische. Die empfindsame, reich figurierte Melodie, mit der die erste Violine über zarten Akkorden der übrigen Instrumente einsetzt, wird im feinsinnigen Zusammenspiel der vier Stimmen ausgeleuchtet und in einem es-Moll-Mittelteil durch "Werthersche Züge der Melancholie eingedunkelt", wie der Beethoven-Forscher Harry Goldschmidt formulierte. Der Vergleich mit Werther ist weder zufällig noch allzu weit hergeholt. "Werthersche Züge" finden sich auch in den verbalen Äußerungen Beethovens aus der Zeit um die Jahrhundertwende; sie finden sich in den Briefen an die Bonner Jugendfreunde und vor allem im sogenannten "Heiligenstädter Testament".

Vergleicht man den Stil dieses intimen Monologs, in dem Beethoven über seine zunehmende Behinderung als Schwerhöriger reflektiert, mit Goethes berühmtem Briefroman, so erkennt man unschwer, dass Beethoven dessen empfindsame Sprache stellenweise bis zur Paraphrasierung nachahmt. Der Einfluss des Romans um jene Zeit war ungeheuerlich; jeder gebildete Zeitgenosse kannte ihn (Beethoven las sehr viel und befand sich auf einem hohen intellektuellen Niveau!), und die Identifizierung mit der Hauptfigur ging bekanntlich in einigen Fällen sogar bis zum Selbstmord. Was Wunder, wenn Schwärmerei und Schwermut auch in der Musik entsprechenden Ausdruck fanden.

Ungetrübt bleibt die Heiterkeit des Scherzos, das vor allem durch rhythmische Raffinesse Interesse weckt. Durch Sforzati auf unbetonten Taktteilen und Synkopen wird das Metrum verunklart, so dass das Ohr anstatt des notierten 3/4-Taktes dauernd einen 6/8-Takt wahrzunehmen glaubt und auf diese Weise fast bis zum Schluss unentwegt genarrt wird. Im Trioteil treibt die erste Violine für sich ihr übermütiges Spiel, während sich die anderen Instrumente zum dreistimmigen Satz vereinen.

Völlig unvorbereitet trifft den Hörer der Beginn des letzten Satzes, denn nichts deutete vorher auf diesen jähen Stimmungswechsel hin, auch die Molltrübung des zweiten Satzes gab davon keine Vorahnung. Praktisch handelt es sich bei dem mit "La Malincolia" (Die Melancholie) überschriebenen Adagio um einen selbständigen Satz, der zudem durch die Anweisung "Questo pezzo si deve trattare colla più gran delicatezza" (Dieses Stück soll mit der größten Delikatesse behandelt werden) hervorgehoben ist. Kein Mittel scheint es zu geben, das aus der abgrundtiefen Schwermut dieses rhapsodischen Adagios herausführen könnte - ein "ungeheures Nachtstück" nannte Goldschmidt es -, und seine Subjektivität ist erst recht eine mit "Werther" vergleichbare Sturm-und-Drang-Gebärde.

Und doch schließt sich - unvermittelt und ohne Pause - ein Allegretto an, das mit dieser Grübelei offenbar nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Das Ohr will sich dem sorglos heiteren Fluss überlassen, aber ein, zwei Mal bringt sich das Adagio mit eindringlicher Geste in Erinnerung, und erst nach dem dritten Mal klingt das Stück mit einem in freudiger Hast sich geradezu überstürzenden Prestissimo aus.

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Hörproben / Audio samples:









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Booklet:










 
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